00:11
Willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Womens. Mein Name ist Paulina Kraser und in jeder Folge hört ihr hier einen Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir auf juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte und wir sprechen mit Menschen mit Expertise, mit Beteiligten oder Betroffenen.
00:32
True Crime heißt tatsächlich, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören hier bitte nicht vergessen. Wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Und wenn ihr aber merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber mal etwas Luft brauchen, sind hier auch manchmal kleine Abschweifungen erlaubt. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
00:58
In unserem heutigen Fall geht es um eine Familie und um ein Gift, das sich in dem Körper eines Mitglieds ausbreiten soll, am Ende aber allen lebensgefährlich wird. Alle Namen haben wir geändert.
01:12
Als der 14-Jährige Finden und die restlichen Familienmitglieder am Vormittag des 24. Januar 2020 das helle Sandsteingebäude erreicht haben und aus den zwei Autosteigen, mit denen sie angereist sind, ist es klirrend kalt. Seine Mutter hat direkt vor dem Gasthof zur alten Post geparkt. Der wird von Fins Opa Dieter betrieben und ist in Hohenbrück, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Schwäbisch Hall, ein bekannter Treffpunkt. Vor allem die Mitglieder des örtlichen Fußballvereins treffen sich hier gern nach dem Training.
01:44
Drei Stunden hatte die Fahrt für die siebenköpfige Reisegruppe gedauert, nachdem Finn und die anderen heute Morgen in Lahr im Schwarzwald aufgebrochen waren.
01:53
Nun ist es Zeit für einen kurzen Zwischenstopp bei Opa Dieter, der im Gasthof darauf wartet, von der Reisegruppe eingesammelt zu werden. Seine Schwester und sein Schwager sind heute auch hier und arbeiten draußen im Garten. Das Haus ist also voll. Eigentlich könnte es ein schöner Tag sein, denn endlich kommen mal wieder mehrere Generationen der Familie zusammen, wenn es für die Zusammenführung nicht so einen traurigen Anlass geben würde.
02:19
Vor etwa einem Monat ist Fins Urgroßmutter gestorben. Und weil morgen die Beerdigung in Sachsen stattfindet, machen sie sich alle bereits heute auf den Weg dorthin. Finn weiß, dass ihm nach dem Zwischenstopp noch eine lange Fahrt bevorstehen wird. Fast fünf Stunden wird er gleich noch im Auto verharren müssen. Deshalb entscheidet er sich, die Pause im Gasthof zu nutzen und lieber noch einmal auf die Toilette zu gehen.
02:43
Das WC befindet sich im Erdgeschoss des dreistöckigen Gebäudes. Finn schließt die Tür und ist allein, als er sich erleichtern will. Da hört er plötzlich ein seltsames Geräusch. Was war das denn? Vielleicht ein Klopfen oder Poltern von der Gasheizung, denkt der 14-Jährige.
03:02
Finn öffnet die Tür nach draußen und geht ein Zimmer weiter in den alten Gastraum, in dem sich abends nach dem Fußballspielen alle noch auf ein Getränk treffen. Finn hatte gedacht, dass sich seine Familie hier aufhält, doch der Raum ist leer. Eben haben hier noch seine Mutter, deren Mutter, also Fins Oma, seinen Bruder, seinen Onkel und seine Großeltern väterlicherseits rumgewuselt, um sich die Beine kurz zu vertreten. Aber wo sind denn jetzt alle hin?« Ehe Finn diesem Gedanken länger nachgehen kann, hört er es schon wieder.
03:33
Dieses Poltern. Einen kurzen, dumpfen Knall. Noch immer kann er das Geräusch nicht richtig einordnen. Trotzdem bekommt es der Teenager jetzt langsam mit der Angst zu tun. Finn erinnert sich an das kleine Esszimmer, in dem er schon öfter gegessen hat, im hinteren Teil des Gasthauses. Er läuft los. Dort gibt es ein Fenster, aus dem er hinausklettern könnte. Als er dort ankommt und verängstigt das Fenster öffnet, rutscht ihm das Herz regelrecht in die Hose. Hinter dem Fenster befindet sich ein Fliegengitter.
04:05
Es ist festgeschraubt. Finn weiß, da kommt er unmöglich raus. Panik steigt in Finn auf. Der 14-Jährige dreht sich um und rennt weiter. Er will einfach nur noch raus hier, raus aus dem Gasthof, raus aus dem Haus, das ihm jetzt große Angst macht. Seine Flucht führt Finn raus aus dem Esszimmer Richtung Ausgang. Doch als er gerade durch den Küchenbereich rennt, steht dort plötzlich die Person vor ihm, die diese beängstigenden Geräusche verursacht. Der Mann hält eine Pistole in der Hand.
04:37
Zwar richtet er sie nicht auf ihn, doch bereits der Anblick genügt, dass Finn Angst um sein Leben hat. Bitte tu mir nichts, fleht er ihn an. Doch der Mann starrt ihn nur mit unverwandten Augen an.
04:55
Laura, was ja oft ein Thema bei uns in der Firma ist, ist, dass wir beide dieselbe Sprache sprechen, aber unsere Mitarbeitenden manchmal nicht wissen, was wir meinen. Und da mache ich mir oft Gedanken drüber, was das eigentlich für eine Superpower ist, denn unsere Nachrichten oder Memos, die wir uns schicken, die sind ja auch manchmal ein bisschen kryptischer. Ja. Ja, und du verstehst mich teilweise auch besser als mein Mann. Ich glaube, das passiert automatisch, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. Und das für andere Leute zu übersetzen, ist ja immer ein bisschen schwierig und auch ein bisschen nervig, weil man dann da so viel Arbeit investieren muss, das zu übersetzen.
05:30
Aber dafür gibt es jetzt etwas und zwar kann man beim neuen Google Pixel 11 Pro seine Gedanken einfach ganz frei einsprechen und das Smartphone macht daraus dann einen klaren, strukturierten Text und kann auch automatisch Füllwörter wie M und so entfernen.
05:46
Okay, das heißt, wenn ich dir jetzt so eine typische Nachricht einspreche, wie Paulina bei dem Einskript, wo der Mann auf dem Parkplatz bei der 254, ah ne, bei der 256, da war das doch so mit dem Gericht, ah ne, mit dem Anwalt, so ähnlich, oder? Ja.
06:08
Genau, also das Google Pixel 11 Pro würde daraus jetzt eine kurze verständliche Nachricht mit den wichtigsten Infos machen, sodass es dann auch jeder versteht. Es würde dann am Ende so aussehen, bei Folge 256, in der es um den Mann auf dem Parkplatz ging, war doch das mit dem Anwalt ähnlich. Oder, und das finde ich gerade praktisch, wenn man noch mitten in der Recherche steckt und sich irgendwie Gedanken zum Storytelling macht und einem dabei dann tausend Sachen gleichzeitig durch den Kopf gehen, dann ist das schon ziemlich praktisch, dass jemand anders die Gedanken so ein bisschen sortiert.
06:39
Da muss man ja eben nur nochmal einmal drüber schauen, um alles zu prüfen und schon kann man diesen Text dann verschicken.
06:44
Das finde ich richtig, richtig gut und das löst ganz viele Kommunikationsprobleme, denke ich.
06:49
Genau. Und die Funktion ist übrigens für Personen ab 18 Jahren über Gboard verfügbar, wobei die Verfügbarkeit je nach Land und Sprache variieren kann. Im Google Pixel 11 Pro stecken aber noch viele andere smarte KI-Funktionen, die einem den Alltag erleichtern. Bei einigen davon kann für höhere Nutzungslimits ein Abo erforderlich sein und die Ergebnisse können natürlich auch variieren.
07:09
Und falls ihr jetzt gerade überlegt zu wechseln, das geht super unkompliziert und viel einfacher als man denkt. Fotos, Textnachrichten oder sogar die eSIM lassen sich ganz einfach kabellos vom alten Smartphone aufs neue Google Pixel 11 Pro übertragen. Und mit den Schritt-für-Schritt-Anleitungen auf dem Smartphone findet man sich auch direkt zurecht.
07:27
Alle Infos zum neuen Google Pixel 11 Pro findet ihr wie immer auch nochmal in unserer Folgenbeschreibung.
07:39
Wenige Minuten nachdem Finn im Gasthof dem Mann mit Pistole regelrecht in die Arme gelaufen ist, geht um 12.48 Uhr ein Notruf auf einem Polizeipräsidium in Baden-Württemberg ein. Ein junger Polizist, der an diesem Tag Dienst in der zuständigen Leitstelle hat, nimmt den Anruf entgegen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine männliche Stimme. Der Mann atmet schwer, fast so, als habe er gerade etwas körperlich Anstrengendes vollbracht.
08:06
Der Beamte hat daher zunächst Schwierigkeiten, ihn zu verstehen und fragt ihn, ob er Hilfe brauche. Doch der Anrufer verneint. Er wolle sich ergeben. Er habe soeben blutrünstige Monster erschossen. Für den Beamten ist augenblicklich klar, wenn der Mann die Wahrheit sagt, sind möglicherweise Menschen in Lebensgefahr.
08:27
Wo er das getan habe, fragt er. Der Mann nennt ihm daraufhin die Adresse des Gasthofs zur alten Post. Diese Information lässt den Beamten schlucken. Wen meint er mit Monstern?
08:40
Während der Beamte weiter mit dem Mann spricht, gehen in der Zentrale weitere Notrufe ein. Menschen berichten von Schüssen, die sie aus der Gegend des Gasthofs gehört haben wollen. Spätestens jetzt besteht kein Zweifel mehr, dass es sich um eine akute Gefahrenlage handelt. Mehrere Polizeikräfte werden nach Hohenbrück beordert und damit ein polizeilicher Großalarm ausgelöst, der die Stille in der sonst so friedlichen kleinen Gemeinde zerstört.
09:07
Während mehrere Einsatzwagen auf dem Weg zur alten Post sind, bleibt dem Beamten in der Notrufzentrale eine schwierige Aufgabe. Er muss den Mann am anderen Ende um jeden Preis in der Leitung halten. Dennoch ist völlig unklar, wo genau er sich befindet, ob er die Pistole weiterhin bei sich trägt und ob er sich wirklich stellen will und von ihm nicht doch eine Gefahr ausgeht. Jede Information könnte dabei helfen, dass die Einsatzkräfte sich dem Gasthof möglichst sicher nähern können.
09:37
Ruhig stellt er ihm Fragen und lässt ihn nach und nach schildern, wen er genau erschossen haben will. Doch dann bricht die Verbindung plötzlich ab. Für einen kurzen Moment weiß der Polizist nicht, was der Anrufer jetzt tut. Er ruft ihn sofort zurück und tatsächlich geht der Mann, der behauptet, mehrere Monster erschossen zu haben, wieder ans Telefon.
09:58
»Wie lange das denn noch dauere,« will der Mann von dem Polizisten wissen. Dieser beginnt nun, ihn Schritt für Schritt auf seine Festnahme vorzubereiten. Er soll die Pistole im Esszimmer zurücklassen und sich nach draußen begeben. Er solle sich vor dem Gasthof niederknien und die Hände gut sichtbar nach oben halten. Keine hektischen Bewegungen, nicht in die Taschen greifen.« Das Telefon solle er vor sich auf den Boden legen und dann solle er laut auf sich aufmerksam machen. Ich bin hier. Auf diese Weise würden die anrückenden Einsatzkräfte sofort erkennen können, welcher Mann der Anrufer ist und dass er ihre Anweisungen befolgt.
10:35
Um 12.57 Uhr, keine zehn Minuten nach Eingang des ersten Anrufs, erreichen die Polizeiwagen schließlich ihr Ziel. Die BeamtInnen springen aus ihren Autos, verschaffen sich einen Überblick über das Areal und sehen ihn schließlich. Vor dem Gebäude mit dem rotbraunen Dach und der beigen Sandsteinfassade kniet ein junger Mann auf dem Boden, die Hände in der Luft. Er ist etwa Mitte 20, hat kurze Haare und trägt große Brillengläser auf der Nase und ein enges T-Shirt, unter dem sich ein schlanker Körperbau abzeichnet.
11:06
Den Einsatzkräften ist sofort klar, das ist er, der Mann, der den Notruf gewählt hat.
11:12
Widerstandslos lässt er sich von ihnen festnehmen. Und auch die Handschellen können sie ihm ohne Gegenwehr anlegen. Noch ist unklar, was es mit seinem Anruf und der Aussage, dass er Monster getötet hätte, tatsächlich auf sich hat. Deshalb beginnen die Beamtinnen, nachdem der Mann abgeführt worden ist, damit das Areal systematisch zu durchkämmen.
11:33
Ist der festgenommene Mann tatsächlich die einzig bewaffnete Person oder befindet sich irgendwo zwischen den Gebäuden noch eine weitere? Das Gelände hinter dem Gasthof ist groß und unübersichtlich. An das Haupthaus schließt sich ein Hof, eine Scheune und mehrere kleine Gebäude an. Mit gezogenen Waffen rücken einige von ihnen vor, während die anderen die Umgebung im Blick behalten und ihre KollegInnen sichern.
11:58
Schritt für Schritt bewegen sie sich um das Haupthaus herum und weiter in den dahinterliegenden Hof. Jeder Durchgang, jede Tür und jedes Fenster könnte eine weitere Gefahr verbergen. Dann betreten sie das dreistöckige Haupthaus und je weiter sie dabei vordringen, desto unheilvoller wird die Vorahnung, was hier passiert sein könnte.
12:18
»Überall liegen Patronenhülsen. Im Treppenflur machen sie dann den ersten grausamen Fund. Es ist eine männliche Leiche mittleren Alters. Offenbar wurde ihr in den Kopf geschossen. In der Küche zur Gaststube liegt außerdem eine tote Frau in ihrem eigenen Blut. Sie hat mehrere Schussverletzungen. Eine Kugel hat sie ebenfalls im Kopf getroffen.« Es ist ein furchtbarer Anblick für die PolizistInnen, der mit den beiden Toten leider längst nicht endet. Durch den Hinterausgang gelangen die Einsatzkräfte in den Hof.
12:51
Dort steht eine kleine Holzbank und direkt davor liegen zwei weitere Tote dicht beieinander. Ein Mann und eine Frau, deutlich jünger als die beiden im Haus.
13:00
Ihre Körper sind nahezu umschlungen.
13:03
Vom Hof aus führt außerdem ein schmaler, gepflasterter Durchgang zu einer etwas abseits gelegenen Kegelbahn. Auf dem Weg dorthin entdecken die Einsatzkräfte zwei weitere Leichen. Wieder sind es ein Mann und eine Frau.« Die erste Bestandsaufnahme zeigt das ganze Ausmaß dessen, was sich in den vergangenen Minuten am Gasthof abgespielt hat. Sechs Menschen sind tot. Sie wurden Opfer eines regelrechten Blutbads. Erschossen durch eine Waffe, die PolizistInnen im kleinen Esszimmer finden.
13:34
Abgelegt auf einer Tageszeitung. Der Mann hatte sie auf dem Tisch zurückgelassen, genau wie ihr Kollege von der Notrufezentrale es ihm gesagt hat.
13:44
In den kommenden Stunden wird aus dem Tatort ein kriminalistischer Hotspot. Immer wieder betreten PolizeibeamtInnen, KriminaltechnikerInnen und Mitarbeitende der Spurensicherung den Gasthof, der mittlerweile großflächig von einem polizeilichen Absperrband umgeben ist. Es herrscht ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock.
14:04
Während die sechs Toten schließlich in Leichensäcken verschwinden, sieht sich die Polizei nun mit der Aufgabe konfrontiert, die Hintergründe der Tat aufzuklären. Schnell ist ermittelt, dass die Opfer alle zu einer Familie gehören, die sich hier im Gasthof zur alten Post traf, um gemeinsam zu einer Beerdigung nach Sachsen zu fahren. Und ebenso schnell wird klar, das Ausmaß der Tragödie hätte noch größer sein können. Denn zum Zeitpunkt der Schüsse hatten sich noch mehr Mitglieder auf dem Gelände des Gasthofs befunden.
14:35
Vier von ihnen hatten sich retten können. Ein Junge im Alter von 14 Jahren, der im Bad war, als das Feuer eröffnet wurde, fand gemeinsam mit seinem zwölfjährigen Bruder Zuflucht im Haus einer Anwohnerin. Auf die Großeltern der beiden Jungen wurde ebenfalls geschossen, aber auch ihnen gelang die Flucht in ein Planungsbüro auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo Angestellte ihnen zur Hilfe kamen.
14:59
Doch warum hatte der junge Mann, den sie festgenommen haben, fast eine ganze Familie ausgelöscht? Und wieso hatte er sie als Monster bezeichnet?
15:09
Die BeamtInnen hoffen, dass er ihnen diese Fragen selbst beantworten wird. Nach seiner Festnahme bringen sie den mutmaßlichen Täter auf eine Polizeistation im Landkreis Schwäbisch Hall. Kurze Zeit später sitzen sie ihm und seinem Anwalt in einem Vernehmungszimmer gegenüber. Der junge Mann heißt Till Moles. Die Handgelenke von den Handschellen noch immer umschlossen, ringt er weiterhin nach Luft. Wenn auch nicht so heftig wie vorhin, als er mit dem Mitarbeiter der polizeilichen Notrufstelle telefoniert hat.
15:38
Die BeamtInnen lassen eine Videokamera mitlaufen, um seine Aussage zu dokumentieren. Zunächst wirkt Till zögerlich, nahezu verwirrt. Es scheint, als sei der 26-Jährige selbst nicht ganz sicher, wen er da alles getötet hat. Klar ist nur, dass er ihnen nahe stand. Denn die Opfer gehörten zu seiner eigenen Familie. Doch da ihm offenbar einige entkommen waren, will er wissen, wer von den Menschen, auf die er geschossen hat, tatsächlich tot sind. Erst als die BeamtInnen ihm sagen, dass die Opfer seine eigene Mutter, sein Vater, seine beiden erwachsenen Halbgeschwister und sein Onkel und seine Tante sind, beginnt er zu reden.
16:17
Und zwar nahezu ohne Punkt und Komma.
16:21
Die Polizistinnen bieten Till und seinem Anwalt mehrfach an, die Vernehmung zu unterbrechen, aber Till will nicht schweigen. Es wirkt, als habe sich in ihm etwas angestaut, das nun mit aller Macht aus ihm herausbricht. Ganz so, als sei er froh über die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird und darüber, dass ihm endlich jemand zuhört. Einen Streit oder einen Konflikt habe es nicht gegeben, macht Till klar. Es sei ihm um Rache gegangen, sagt er.
16:51
Rache für all den Schmerz, den man ihm seit Beginn seines Lebens zugefügt habe. Für ein Kapitel, das er selbst als 20 Jahre Kindesmisshandlung bezeichnet.
17:02
Etwa fünf Monate später, am 29. Juni 2020, beginnt vor dem Landgericht Ellwang die juristische Aufarbeitung des Blutbads im Gasthof zur Alten Post.
17:14
Durch die bodentiefe Fenster fällt viel Licht in den hellen Schwurgerichtssaal mit seinen weißen Wänden und hohen Decken. Ein beinahe zu freundlicher Ort für die Verhandlung eines so düsteren Verbrechens. Angesichts der Corona-Pandemie sind nur wenige JournalistInnen vor Ort zugelassen. Doch diejenigen, die da sind, haben ihre Kameras bereits griffbereit, um jene Person vor die Linse zu bekommen, die sich ab heute vor Gericht verantworten muss.
17:40
»Till Moles wird an diesem Morgen von mehreren Justizbeamten in den Saal geführt. Seit seiner Festnahme ist er deutlich schmaler geworden. Er wirkt nahezu dürr. Die Männer in Uniform leiten ihm den Weg zu seinem Platz auf der Anklagebank. Der mittlerweile 27-Jährige hat sich eine Jacke über den Kopf geworfen, um sein Gesicht vor der Presse zu verbergen.« Und so sind seine strähnigen Haare, das knittrige blaue Hemd und die kaputten Schuhe die einzigen Dinge, die die MedienvertreterInnen mit ihren Kameras von ihm einfangen können.
18:14
Doch auch wenn die Jacke Till vom Blitzlichtgewitter abschwimmen mag, den schweren Vorwürfen gegen ihn muss er dennoch ins Auge sehen. Nach monatelangen Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft ihn wegen sechsfachen Mordes an seinen Eltern, seinen zwei Halbgeschwistern und seiner Tante und seinem Onkel angeklagt. Mindestens 30 Schüsse hatte er an diesem Tag abgefeuert, die, wenn es nach ihm gegangen wäre, noch mehr Menschen das Leben gekostet hätten.
18:41
weshalb er sich außerdem wegen zweifachen versuchten Mordes verantworten muss. Wie es dazu kommen konnte und wie die Kindesmisshandlung ausgesehen haben soll, von der Till bei seiner Beschuldigtenvernehmung sprach, das soll die Kammer in den kommenden Verhandlungstagen herausfinden.
18:56
Denn er selbst sagt, mit den Misshandlungen habe sein Leidensweg begonnen, der am Ende dazu geführt habe, dass er einen Großteil seiner Familie auslöschen wollte. Um zu erklären, was ihn zu dieser Tat trieb, muss die Kammer deshalb weit in seine Vergangenheit zurückgehen. Eigentlich führte Till lange Zeit ein sehr unauffälliges Leben, zumindest nach außen hin.
19:19
Als er im Juni 1993 auf die Welt kommt, krönt er die Liebe seiner Eltern Dieter und Maren. Maren hat bereits zwei Kinder aus erster Ehe, Richard und Dana. Doch Till ist das erste gemeinsame Kind des Paares und bleibt auch das einzige. Seine ersten Lebensjahre verbringt er mit seiner Familie in Hohenbrück. Doch das Familienleben unter einem Dach hält nicht lange. Noch bevor Till fünf Jahre alt ist, verlässt seine Mutter mit den drei Kindern den gemeinsamen Wohnort. Ihr neues Zuhause liegt in einer etwa drei Stunden entfernten Stadt im Schwarzwald.
19:52
Die Entfernung trennt Maren und Dieter fortan räumlich, nicht aber als Paar. Dieter ist fest in Hohenbrück verwurzelt. Neben dem Gasthof bewirtschaftet er dort auch einen landwirtschaftlichen Betrieb. Maren dagegen will im Schwarzwald eine Ausbildung zur Hebamme beginnen. Ein Beruf, von dem die damals Anfang 30-Jährige schon lange geträumt hat. Till wächst fortan also mit seiner Mutter und den beiden Halbgeschwistern auf, auch wenn ein paar Mal im Jahr Besuche bei seinem Vater in Hohenbrück anstehen.
20:22
Till ist ein eher stilles, introvertiertes Kind. Zwar knüpft er Freundschaften und hat Kontakt zu Gleichaltrigen, mit denen er hin und wieder draußen Fußball spielt. Den Großteil seiner Freizeit verbringt er aber an seinem Computer. Auch im Teenageralter führt Till ein eher zurückgezogenes Leben. Nur mit einer Sache fällt er regelmäßig auf – seinen schulischen Leistungen.
20:44
Till ist ein guter Schüler. Vor allem der Umgang mit Zahlen und Formeln geht ihm leicht von der Hand und sorgt dafür, dass er regelmäßig gute Noten nach Hause bringt.
20:53
Als er 2012 sein Abitur macht, hält er schließlich nicht nur sein Zeugnis mit der Note 1,8 in der Hand, er bekommt auch einen Preis für seine herausragenden Leistungen im Fach Physik verliehen.
21:05
Nach seinem Abi schmiedet Till große Pläne. Er zieht nach Aachen, um dort Maschinenbau zu studieren. Doch anders als im Klassenraum der Schule kann er im Hörsaal der Uni nicht Schritt halten. Till lässt das Studium schleifen. Bereits zum zweiten Semester ist sein Studentenausweis das einzige, was ihn mit der Uni verbindet. Er besucht keine Kurse mehr, schreibt keine Prüfungen mit und bricht im Sommer 2013 schließlich ganz ab.
21:32
Nur wenige Monate später, im Herbst 2013, zieht er nach Stuttgart, um dort einen akademischen Neuanfang zu wagen. Till beginnt, technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Doch wirklich voran kommt er da auch nicht. 2017, nach etwa vier Jahren, muss Till sein Zimmer im Studierendenwohnheim räumen. Er hat die maximale Wohnzeit erreicht und das, obwohl der Bachelorabschluss nach wie vor in weiter Ferne ist. Der damals 24-Jährige zieht daraufhin wieder nach Hohenbrück, um dort mit seinem Vater Dieter unter einem Dach zu leben.
22:05
In dem geräumigen Gasthof, in dessen Erdgeschoss Dieter die Gaststätte zur alten Post betreibt, macht Till ein kleines Zimmer im zweiten Obergeschoss zu seinem eigenen Reich.
22:15
Dass er zu diesem Zeitpunkt sein zweites Studium praktisch schon längst abgebrochen und es aufgegeben hat, Vorlesungen zu besuchen und Prüfungen zu schreiben, behält er für sich. Die meiste Zeit verbringt Till von nun an damit, Computerspiele zu zocken und YouTube-Videos zu schauen.
22:30
Wenn er dann aber doch mal aus dem Zimmer kommt, dann hilft er seinem Vater mit dem Gastbetrieb und holt Getränke ab oder packt bei der Heuernte mit an. Außerdem essen Vater und Sohn regelmäßig gemeinsam zu Mittag, besonders dann, wenn Dieters Schwester Gisela und ihr Ehemann Alvin, Tilts Tante und Onkel sich zu ihnen gesellen. Die beiden wohnen nur wenige Häuser weiter. Wie die Kammer von Aussagen des nahen Umfelds und den NachbarInnen erfährt, hatten Gisela und Alvin keine eigenen Kinder. Till soll für sie schon seit seiner Kindheit so etwas wie ein Ersatzsohn gewesen sein.
23:03
Offenbar hatten sie damals mit Sorge beobachtet, dass sich ihr geliebter Neffe immer mehr zurückzieht. Immer wieder sollen sie ihm Hobbys und Unternehmungen vorgeschlagen haben, um ihn zu animieren.
23:15
Im Frühjahr 2018 zahlen sie ihm schließlich sogar den Führerschein. Doch die Fahrerlaubnis in Tills Geldbörse führt nicht dazu, dass er fortan mehr unterwegs ist. Etwa ein Jahr nachdem Till im Gasthof seines Vaters eingezogen ist, beginnt er sich immer mehr einzuigeln. Ab sofort verlässt Till kaum noch das Zimmer und verbringt seinen Alltag hinter verschlossener Tür. Bis er schließlich auch die gemeinsamen Mahlzeiten mit seinem Vater sowie Tante und Onkel ausfallen lässt.
23:43
Aus Till, dem Eigenbrödler, wird ein regelrechter Eremit, der an einem Leben außerhalb seines Zimmers kaum noch interessiert scheint und den nur wenig Dinge vor die eigene Haustür locken können. Aber hinter seinem Rückzug steckt mehr als bloße Lustlosigkeit. Seit vielen Jahren beschäftigen ihn körperliche Beschwerden, die ihn zunehmend zermürben. Immer wieder kreisen Tills Gedanken um seinen eigenen Körper und darum, warum es ihm so geht, wie es ihm geht. Obwohl er dafür eigentlich schon längst eine Erklärung hat.
24:16
Eine, die ihn in Angst versetzt und sich abschotten lässt. Bei seiner Geburt kommt Till mit einer sogenannten Hyposbadie auf die Welt. Eine Fehlbildung an der Harnröhre, die bei männlichen Personen auftreten kann und die sich dann dadurch kennzeichnet, dass sich die Öffnung nicht an der Spitze der Eiche befindet, sondern an einer anderen Stelle, zum Beispiel im Bereich des Dammes.
24:38
Und das kann zu mehreren Sachen führen, aber auch zu Problemen beim Wasserlassen. Es lässt sich aber operativ korrigieren. Und bei Till geschieht das auch im Kindesalter. Dennoch begleiten ihn auch danach urologische Probleme. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr ist Till Bettnässer und muss nachts Windeln tragen. Seitdem er ein Teenager sei, so gibt Till es vor Gericht an, habe er außerdem unter enormen Hodenschmerzen gelitten.
25:03
Doch es sind andere Beschwerden, die im Frühjahr 2012 zu einem Krankenhausaufenthalt führen, der noch eine verhängnisvolle Bedeutung bekommen wird.
25:13
Till erinnert sich vor Gericht an ein Ereignis, das acht Jahre zurückliegt. Zu dieser Zeit ist er gerade volljährig. Damals hätten ihn plötzlich starke Schmerzen und Luftnot geplagt, erzählt er. Es habe ihn schlichtweg umgehauen. Till alarmiert damals den Notruf, kann sich am Telefon jedoch kaum artikulieren. Unsere Sprachstörungen sind ja ein ernstes Warnsignal, denn die könnten auf einen Schlaganfall oder eine andere Erkrankung des Hirns hindeuten.
25:40
Till wird deshalb als Notfall in ein Krankenhaus in der Nähe seines Wohnorts im Schwarzwald eingeliefert und dort umfassend untersucht.
25:48
Eine lebensbedrohliche Erkrankung können die Ärztinnen aber nicht feststellen. Am 15. Mai 2012 wird Till dann schließlich mit der Wahrscheinlichkeitsdiagnose Migräne entlassen. Vermutlich hatte er während der Attacke außerdem hyperventiliert. Doch die Migräne ist nicht das Entscheidende, was Till von diesem Krankenhausaufenthalt in Erinnerung geblieben ist. Vor Gericht schildert er ein weiteres Vorkommnis. Eines, das sein Bild von der eigenen Familie für immer verändert haben soll.
26:19
Bei diesem Krankenhausaufenthalt sei ein Arzt auf ihn zugekommen. Der habe ihm etwas Ungeheuerliches eröffnet. In seinem Blut sei das Hormon Ethinyl-Estradiol nachgewiesen worden. Das ist ein synthetisches Östrogen, das vor allem als Wirkstoff in Antibabypillen verwendet wird, um den Eisprung zu verhindern.
26:39
In diesem Moment, beteuert Till, habe es für ihn Klick gemacht. Plötzlich glaubt er, eine Erklärung für all das gefunden zu haben, was ihn seit seiner Kindheit beschäftigt. Die angeborene Fehlbildung an seiner Harnröhre, das jahrelange Bettnässen und die Schmerzen an seinen Hoden.
26:56
Auch einzelne Erinnerungen an seine Mutter erscheinen ihm nun in einem neuen Licht. Beim Wechseln seiner Windeln habe sie sich über seinen Körper lustig gemacht und ihm absichtlich an den Hoden wehgetan. Über Jahre hinweg habe seine Mutter seinem Intimbereich immer wieder auffällig viel Aufmerksamkeit geschenkt.
27:16
»Das habe Till als beschämend empfunden,« sagt er. »Als der Arzt ihm damals von dem Hormonfund berichtet habe, habe Till nur eine Möglichkeit dafür gesehen, wie das Ethinyl-Estradiol in seinen Körper gelangt sein kann. Seine Mutter muss ihm das Hormon heimlich und das Essen gemischt haben.« Außerdem, so sagt Till es vor Gericht, habe die Vergiftung bereits vor seiner Geburt begonnen. Seine Mutter habe während der Schwangerschaft weiterhin die Antibabypille genommen und dadurch seine Fehlbildung verursacht.
27:46
Der Klinikarzt aus dem Schwarzwald, sagt Till, habe nach dem Hormonbefund die Polizei rufen wollen. Doch er, Till, habe das nicht gewollt und deshalb einfach behauptet, er habe selbst die Antibabypille eingenommen.
27:59
Aber warum sollte Tills Mutter ihm heimlich weibliche Hormone verabreicht haben? Sein ganzes Leben lang, erzählt er vor Gericht, habe Mutter Maren ihn spüren lassen, dass sie sich eigentlich ein Mädchen gewünscht habe. Das habe mit dem Verspotten beim Windeln wechseln und den körperlichen Misshandlungen angefangen und sei später darin geendet, dass sie ihm zu einer Geschlechtsumwandlung geraten habe. Dabei habe seine Mutter ihm von klein auf eigentlich vermittelt, dass seine Männlichkeit sein wertvollster, zugleich aber auch verletzlichster Besitz sei.
28:32
Sie habe ihn sogar vor Wasser aus Plastikflaschen gewarnt. Darin könnten sich weibliche Hormone befinden, die seiner Männlichkeit schaden würden, soll sie gesagt haben. Seine Mutter, so stellt er es dar, habe ihm erst beigebracht, den Verlust seiner Männlichkeit mehr als alles andere zu fürchten und anschließend heimlich genau daran gearbeitet.
28:53
Die Hormone habe sie eingesetzt, um das zu beschädigen, was sie zuvor zum empfindlichsten Punkt seines Lebens gemacht habe. Durch die Fehlbildung und die Schmerzen, die sie verursacht habe, habe sie dafür gesorgt, dass er die Zerstörung seiner Männlichkeit Tag für Tag am eigenen Körper spüre. Nicht allein, um ihn zu verweiblichen, glaubt Till, sondern weil sie es genossen habe, ihn leiden zu sehen.
29:17
Nach dem Krankenhausaufenthalt, erzählt Till, habe er das, was er dort erfahren habe, versucht zu verdrängen. Doch während seines Studiums in Aachen seien die Erinnerungen daran zurückgekehrt. Sie hätten ihn so sehr belastet, dass er sich nicht mehr auf den Lernstoff konzentrieren konnte und sein erstes Studium schließlich abbrach. Zwar sei es nach dem Neuanfang in Stuttgart zunächst besser geworden, aber die Erinnerungen hätten ihn auch dort schon bald erneut eingeholt.
29:44
Für Till sei das alles so belastend gewesen, dass er seinen Alltag fast kaum noch bewältigt bekommen und danach auch aufgehört habe zu studieren. Irgendwann habe er seine Mutter mit seinen Vorwürfen konfrontiert. Ihre Reaktion, so schildert es Till vor Gericht, sei eindeutig gewesen. Mit unverholener Schadenfreude habe sie ihm erklärt, dass eine Bekannte von ihr in dem Krankenhaus im Schwarzwald arbeite und bereits sämtliche Beweise für die Vergiftung aus seiner Patientenakte entfernt habe.
30:14
Wieder soll Till versucht haben, all das zu verdrängen. Angeblich sei ihm das auch zeitweise gelungen, doch die Schmerzen in seinen Hoden kann er damals offenbar nicht ignorieren.
30:25
Als er sich am 22. Juli 2019 damit schließlich an einen Arzt wendet, ist es das erste Mal seit zehn Jahren, dass die Beschwerden nachweislich medizinisch untersucht werden. Von der vermeintlichen Vergiftung erzählt Till dabei allerdings nichts. Der Mediziner überweist Till in ein Krankenhaus. Dort stoßen die Ärztinnen schließlich auf eine mögliche körperliche Ursache, sogenannte Morgagnihydratiden. Das sind Zysten im Bereich der Nebenhoden, die Schmerzen verursachen können.
30:56
Am 11. Dezember 2019 werden sie bei einer Operation auf beiden Seiten entfernt. Der Eingriff selbst verläuft komplikationslos. Doch selbst damit ist seine medizinische Leidensgeschichte nicht beendet. Er nimmt die verschiedenen Medikamente größtenteils nicht ein und leidet bis zum Tag der Tat weiter unter Schmerzen.
31:16
Für Till werden sie zu einer ständigen Erinnerung an das, was seine Mutter ihm angetan haben soll. Und jedes Mal, wenn die Beschwerden zurückkehren, denkt er an das Ergebnis einer jahrelangen hormonellen Vergiftung. Für Till ist Maren deshalb kein Mensch, der ihn geliebt hat, sondern ein Monster.
31:35
Mit ruhiger, tiefer Stimme zeichnet Till im Schwurgerichtssaal das Bild einer Mutter, die ihn von klein auf abgelehnt, gedemütigt und schließlich sogar vergiftet habe. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wenn er über die Frau spricht, die den Anschuldigungen selbst nichts mehr entgegensetzen kann. Doch im Laufe des Prozesses kommen auch andere Menschen zu Wort, die Maren zu Lebzeiten kannten. Ihr berufliches Umfeld spricht ganz anders von Maren. Erzählt von einer geschätzten Hebamme, die ihren Beruf mit großer Leidenschaft ausgeübt habe und zuletzt sogar den Kreißsaal einer Klinik leitete.
32:10
Vor Gericht treffen damit zwei Beschreibungen aufeinander, die kaum weiter auseinander liegen könnten. Auf der einen Seite die engagierte, geschätzte Hebamme, an die sich ihr Umfeld erinnert, auf der anderen das grausame, manipulative Monster, das Till in ihr gesehen hat und das zwar Leben auf die Welt gebracht hat, aber auch seines zerstört haben soll.
32:32
Tills Opa, Marens Vater, der am 24. Januar 2020 seine Tochter und zwei Enkel verlor, erinnert sich daran, dass sie über das zerrüttete Verhältnis zu ihrem Sohn todunglücklich gewesen sei. Till habe sie wissen lassen, dass er sie abgrundtief hasse. Maren habe ihrem Vater immer wieder gesagt, dass sie nicht wisse, warum ihr eigener Sohn sie so auf Distanz hält.
32:56
Dass der Bruch zwischen Mutter und Sohn tief reicht, zeigt sich spätestens 2017. Als Till das Studierendenwohnheim räumen muss, kommt es für ihn offensichtlich nicht in Frage, wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Auf keinen Fall will Till wieder mit der Frau unter einem Dach wohnen, die er für seine gesundheitlichen Probleme verantwortlich macht.
33:16
Im zweiten Obergeschoss des Gasthofes seines Vaters bezieht der damals 24-Jährige ein kleines Zimmer. Doch die Angst vor weiteren Vergiftungen seiner Mutter, sagt er vor Gericht, sei trotz der räumlichen Trennung weiterhin bestehen geblieben. Jedes Mal, wenn seine Mutter mit seinen Halbgeschwistern Dana und Richard in Hohenbrück zu Besuch ist, verbarrikadiert Till sich in seinem Zimmer. Die Anwesenheit von Mutter Maren habe regelrecht Panikattacken in ihm hervorgerufen, berichtet er der Kammer. Nach seinem Einzug bei Vater Dieter sei seine Mutter bei einem ihrer Besuche in Hohenbrück in sein Zimmer eingebrochen.
33:50
Von dem Tag an habe er dann jeden Abend einen schweren Balken vor seine Tür gelegt, um sicherzugehen, dass niemand heimlich in sein Zimmer schleicht. Außerdem habe er eine Überwachungskamera mit Bewegungsmelder installiert.
34:03
Tatsächlich hatte man die auch bei der Durchsuchung der oberen Etage des Gasthofs gefunden. Dafür gesorgt, dass Till sich entspannt, hatte diese Konstruktion aber offenbar nicht. Auch in der Zeit, in der nur Dieter und er im Gasthof leben, kann Till die Angst, die ihn begleitet, nicht abschütteln. Im Gegenteil. Sie macht sich immer mehr Platz in seinem Leben. Sie wird zu einer unsichtbaren Zimmergenossin, die in seinem Alltag den Ton angibt.
34:31
Zusätzlich zur Überwachungskamera installiert er eine Infrarot-Alarmschranke vor seinem Zimmer. Tondateien, die später auf seinem Computer gefunden werden, belegen zudem, dass er ab Mitte 2019 anfängt, Telefongespräche zwischen seinen Eltern abzuhören. Er habe wissen wollen, wann seine Mutter wieder zu Besuch komme, erklärt Till diese Maßnahme.
34:52
Oft habe er die aufgezeichneten Dialoge aber erst später angehört, weil ihn die Stimme seiner Mutter so aufgeregt habe, erklärt Till vor Gericht. Aus Tills spärlich eingerichteten Zimmer wird in dieser Zeit eine echte technologische Festung mit Geheimdienstcharakter, die er selbst kaum noch verlässt.
35:10
Die gemeinsame Mittagessen mit seinem Vater und Onkel Alvin und Tante Gisela lässt Till sausen, weil es zu seinen Vorsichtsmaßnahmen gehört, nur noch Lebensmittel zu sich zu nehmen, die ungeöffnet sind und die er selbst in seinem Zimmer lagert. Zuletzt, sagt Till, habe er sich nur noch von drei bis vier Litern Haarmilch am Tag ernährt. Selbst Türklinken wischt Till mit Desinfektionsspray ab, bevor er sie berührt – Jede mögliche Verbindung zur Welt außerhalb seines Zimmers scheint für ihn inzwischen eine potenzielle Gefahr darzustellen.
35:42
Ende 2019 oder Anfang 2020 glaubt Till schließlich, sich mit all diesen Maßnahmen ausreichend vor weiteren vermeintlichen Vergiftungsversuchen geschützt zu haben. Doch die neu gewonnene Sicherheit lässt nun viel Raum für andere Gedanken. Für seinen Wunsch nach Vergeltung.
36:00
Maren soll für all die Qualen bezahlen, die sie ihm seiner Ansicht nach zugefügt hat. Und dafür, davon ist Till überzeugt, gibt es nur einen angemessenen Preis, nämlich ihr Leben.
36:13
Bereits kurz nach dem Krankenhausaufenthalt im Jahr 2012, also der, bei dem ein Arzt erzählt haben soll, dass man weibliche Hormone in seinem Blut gefunden habe, habe Till immer wieder mit dem Gedanken gespielt, seine Mutter umzubringen. Doch Tills Hass richtet sich bald nicht mehr allein gegen seine Mutter. Mit der Zeit bezieht er auch seine ältere Halbschwester Dana ein.
36:36
Till ist sich sicher, dass Dana gewusst haben muss, was Mutter Maren ihm angetan habe. Aus Tills Sicht hat seine Schwester all das wissentlich geschehen lassen, statt für ihren kleinen Bruder einzustehen und Maren aufzuhalten. Damit wird sie für Till zur Komplizen, die seine Mutter ebenso unterstützt haben soll wie sein Vater. Dieter sei Maren regelrecht hörig gewesen, sagt Till vor Gericht. Er habe immer nach ihrer Pfeife getanzt und sei ein unterwürfiger Hund gewesen.
37:06
Till spricht nicht detailliert darüber, warum er nach dem anfänglichen Fokus auf seiner Mutter schließlich auch nach dem Leben seines Vaters trachtete. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt bezieht er dessen Tod damals in seine Pläne mit ein. Und die werden im Laufe der Zeit immer konkreter. Plan A, sagt Till, habe erst mal vorgesehen, nur seine Mutter und seine Schwester zu foltern. So, wie sie ihn all die Jahre gefoltert hätten.
37:34
Wie ernsthaft Till dieses Vorhaben in Erwägung zog, zeigt sich anhand der Dinge, die die Polizei in seinem Zimmer sicherstellte. In einem Karton fanden Einsatzkräfte unter anderem Kabelbinder, doppelseitiges Klebeband und einen Gasbrenner. Außerdem entdeckten sie ein Behältnis mit einer auffällig wirkenden Flüssigkeit, die sich schließlich als Gamma-Hydroxybuttersäure entpuppte. Das sind quasi K.O.-Tropfen.
37:59
Till sagt, er habe sie selbst chemisch hergestellt, um seine Mutter und seine Schwester für die Umsetzung seines Folterplans zunächst zu betäuben. Doch parallel bereitete er sich damals auch schon auf seinen Plan B vor. Mutter Maren, Schwester Dana und gegebenenfalls auch Vater Dieter sollen erschossen werden. Im Februar 2017 tritt Till einem Schützenverein bei. Tatsächlich sind es seine Tante Gisela und sein Onkel Alvin, die ihn zu diesem Hobby animieren. Vor Gericht berichten mehrere ZeugInnen, dass die beiden Till damals immer wieder ermutigen, sich mehr unter Leute zu mischen.
38:33
Vor allem Alvin verfolgt Tills erste Gehversuche im Schützenverein sehr aufmerksam.
38:39
Bevor Till im April 2018 seinen Führerschein macht, den Alvin ihm gemeinsam mit seiner Frau Gisela finanziert, fährt er Till regelmäßig zum Schießtraining und wartet darauf, bis sein Neffe fertig ist, um ihn wieder nach Hause zu bringen. Unwissend, dass Till nicht einfach ein neues Hobby ausübt, sondern sich insgeheim auf eine Tat vorbereitet, der entgegen den ursprünglichen Plänen auch Alvin selbst zum Opfer fallen wird. Im Schützenverein fällt Till kaum auf. ZeugInnen beschreiben ihn als zurückhaltenden, aber zuverlässigen jungen Mann und als guten Schützen, der auch bei Wettkämpfen gute bis sehr gute Leistungen erzielt.
39:16
Er übernimmt Arbeitsdienste und organisiert 2019 für eine Vatertagswanderung sogar ein Weißwurstfrühstück in der Gaststätte seines Vaters.
39:25
Nicht das Schießen oder die Weißwürste sind ihm zuwider, sondern sozial zu sein. Kontakt zu den anderen Mitgliedern aufzubauen, liegt außerhalb von Tills Komfortzone. Mit der Zeit, sagt Till, habe er einige von ihnen jedoch sogar liebgewonnen. Trotzdem bleibt der Verein für ihn vor allem Mittel zum Zweck. Till will an eine eigene Waffe kommen.
39:48
Im September 2019, vier Monate vor der Tat, kommt Till in seiner tödlichen Planung einen entscheidenden Schritt weiter. Nachdem er zuvor erfolgreich eine Sachkundeprüfung abgelegt hat, erhält er eine grüne Waffenbesitzkarte. Till darf von nun an nicht nur auf die Waffen im Schützenverein zugreifen, er darf sich auch selbst eine Schusswaffe zulegen und sie ganz legal besitzen.
40:11
Die Durchführung seines Plan B, also seine Mutter, seine Schwester und auch vielleicht seinen Vater mit einer Schusswaffe zu töten, wirkt für den damals 26-Jährigen ab sofort greifbarer als jemals zuvor. Doch Till ist sich unsicher, wann er es tun soll.
40:28
Für ihn kommt eigentlich nur ein Moment in Frage, an dem alle drei an einem Ort versammelt sind. Doch solche Situationen sind rar. Mutter Maren kommt wegen ihrer beruflichen Verpflichtungen als Hebamme nur hin und wieder zu Besuch nach Hohenbrück. Und noch seltener wird sie dabei von Tills Halbschwester Dana begleitet. Doch dann stirbt im Dezember 2019 Tills Großmutter mütterlicherseits in Sachsen. Und ihre anstehende Beerdigung liefert ihm schließlich genau das, worauf er gewartet hat. Ein familiäres Zusammentreffen.
40:59
Till sieht die für den 25. Januar 2020 geplante Trauerfeier als perfekte Gelegenheit. An dem Tag werden sie alle da sein. Seine Mutter, seine Schwester und auch sein Vater. Die Entscheidung steht, er wird sich rächen für all die vergangenen Jahre, die er selbst als Folter und Kindesmisshandlung bezeichnet.
41:20
Seit seiner Verhaftung führt Till den Anfang seines Hasses gegen seine Mutter auf einen einzigen Moment zurück. Ein Arzt habe ihm 2012 mitgeteilt, dass in seinem Blut Ethinyl-Estradiol gefunden worden sei. Und dann sagt im Schwurgerichtssaal einer jener MedizinerInnen aus, die Till damals behandelten. Nur bringt seine Aussage vor Gericht Tills Geschichte mit einem Schlag ins Wanken.
41:45
Sein Blut wurde nie auf das Hormon untersucht, sagt der Mediziner. Es gab keinen Befund und damit auch kein Gespräch, in dem ein Arzt ihm davon berichtet haben könnte. Nachdem Till damals mit starken Schmerzen und Sprachschwierigkeiten eingeliefert worden sei, sei er mit der Differenzialdiagnose Migräne entlassen worden. Einen Hinweis auf eine Vergiftung, wie Till es selbst bezeichnet, habe man nicht gefunden. Bei einem männlichen Patienten werde nach diesem Wirkstoff nicht routinemäßig gesucht, erklärt der Arzt. Ohne einen ausdrücklichen Laborauftrag könne Ethinyl-Estradiol auch nicht entdeckt werden.
42:19
Und einen solchen Auftrag habe es bei Till nie gegeben. Und nur kurz, weder von Hypopadie, also der Fehlbildung, die Till damals hatte, noch von Morgagnihydratin, also den Zysten, die man später bei ihm gefunden hatte, oder den Hodenschmerzen, unter denen erlitt, weiß man, dass sie nachgewiesene Folgen von dem Hormon Ethinyl-Estradiol sind.
42:42
Was aber tatsächlich sein kann, ist, dass das Hormon Feminisierende, das mache ich jetzt aber wirklich in großen Anführungszeichen, Veränderungen bei Männern hervorruft. Da geht es dann um körperliche Veränderungen wie Brustwachstum, aber auch um eine Beeinträchtigung der Sexualfunktionen.
42:58
Es sei auch völlig ausgeschlossen, sagt der Klinikarzt, dass ein Kollege ihm erzählt habe, dass man Ethinyl-Estradiol in seinem Blut festgestellt habe. Selbst wenn es einen solchen Befund gegeben hätte, wäre dieser in Tills Krankenakte vermerkt. Und ein Manipulieren der Akte, wie eine Freundin von Maren es laut Tills Aussage getan haben soll, halte er angesichts des Dokumentenmanagements in der Klinik für unplausibel.
43:24
Dafür enthält die Patientenakte einen anderen bemerkenswerten Eintrag. Noch am Tag seiner Einlieferung rief Tills Mutter Maren im Krankenhaus an und regte an, ihren Sohn einem Psychiater vorzustellen. Warum sie das für notwendig hielt, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Stationsarzt wurde die Frage nach einer psychiatrischen Behandlung aber nicht weiter verfolgt.
43:47
Acht Jahre später drängt sich jetzt die Frage auf, was passiert wäre, wenn man Marins Hinweis damals ernst genommen hätte. Wenn in Tills Blut niemals Ethinyl-Estradiol gefunden wurde und es keinerlei Belege für eine Vergiftung gibt, warum ist er dann bis heute felsenfest davon überzeugt?
44:06
Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen liefert eine überraschende Antwort auf diese Frage. Till hat die Geschichte nicht erfunden oder als Schutzbehauptung konstruiert. Für ihn ist sie die Wahrheit. Er ist überzeugt, dass es tatsächlich so gewesen ist. Denn Till ist psychisch krank, sagt der Sachverständige.
44:27
In seinem Gutachten erzählt der Psychiater vor Gericht, dass Till an einer anhaltenden, wahnhaften Störung leide. Eine psychische Erkrankung, die sich, wie der Name ja schon verrät, dadurch kennzeichnen, dass Betroffene eine konkrete Wahnidee entwickeln oder mehrere Wahninhalte, die sich aufeinander beziehen. Wir haben mit der Psychiaterin Dr. Manuela Dudek gesprochen. Sie ist ärztliche Direktorin der Klinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Günzburg. Und sie erklärt, dass ein Wahn häufig als Teil einer umfassenderen psychischen Erkrankung auftritt, also wie bei einer Schizophrenie.
45:02
Betroffene können dann zusätzlich Stimmen hören und Dinge wahrnehmen, die nicht existieren oder in ihrem Denken stark beeinträchtigt sein. Ein Wahn kann aber auch weitgehend isoliert auftreten.
45:14
Diese Menschen hören dann keine Stimmen wie andere, sondern sie haben die Realität im Blick. die aber eine eigene Realität ist und es ist eine völlig falsche Überzeugung der Realität. So wie wir heute den 14. September haben und ich demjenigen, der die wahnhafte Störung hat, nein, sage, tut mir leid, es ist Dezember, Sie irren sich da und es schneit doch, schauen Sie doch raus. So ungefähr wird er mir begegnen, wenn ich versuche, ihm die Realität nahezubringen.
45:42
Und er ist von seiner besonderen Idee dann auch subjektiv gewiss überzeugt. Dann wirkt ein Mensch in vielen Bereichen seines Lebens vollkommen klar und unauffällig, so wie Till das ja auch getan hat, hält aber an einer bestimmten falschen Überzeugung fest, die sich durch kein Argument und keinen Gegenbeweis erschüttern lässt.
46:03
Warum sich so eine Überzeugung kaum korrigieren lässt, ist noch nicht vollständig geklärt. Aber unsere Expertin sagt, dass dabei auch der Botenstoff Dopamin eine Rolle spielt. Der hilft dem Gehirn nämlich dabei, Eindrücke zu gewichten. Und wenn dieses System gestört ist, können zufällige Ereignisse plötzlich eine enorme Bedeutung bekommen und in die eigene Überzeugung eingebaut werden. Till wertet also die Fehlbildung an seiner Harnröhre, die Hodenschmerzen und die Zysten, die es ja gab, also das war nicht Teil seines Wahns, die wertet er dann als vermeintliche Beweise für eine jahrelange Hormonvergiftung.
46:39
Alles scheint seine Überzeugung zu bestätigen. Offenbar wusste jetzt in Tills Fall niemand von seinen wahnhaften Ideen. Aber selbst wenn, dann ist es relativ wahrscheinlich, dass Gegenargumente auch kaum noch zu ihm durchgedrungen wären. Nicht weibliche Hormone haben über Jahre seinen Körper vergiftet, sondern der Wahn seine Realität.
47:00
Ein Fall aus Manuela Dudeks Berufsalltag zeigt auch, dass nicht mal das Wissen um diese Erkrankung davor schützt, den Wahn für Wirklichkeit zu halten.
47:08
Eine Psychiaterin um die 70 ist selber an einem Wahn erkrankt und sie hatte einen Dermatozoen-Wahn. Das ist ein sehr seltener Wahn und Menschen sind davon überzeugt, Tiere oder Läuse oder Milben auf dem Kopf zu haben oder Tierchen laufen entlang der Haut. Sie sammelte die Schuppen von ihrem Kopf in einer Streichholzschachtel und zeigte sie mir und sagte sie, das sind Läuse. Und dann habe ich versucht mit ihr... auf der psychiatrischen, auf der Kolleginnen-Ebene zu sprechen.
47:40
Und dann konnte sie mir die Definition, die ich ihnen eben gegeben habe, auch wiedergeben. Aber sie sagte, Frau Kollegin, bei mir ist das anders. Ich habe wirklich Läuse.
47:50
Und genauso ist Till auch jetzt noch, als der psychiatrische Gutachter vor Gericht spricht, immer noch der Überzeugung, dass all das, was er die Jahre über in Bezug auf seine Familie angenommen hat, wirklich so war.
48:02
»Dieser Vorstellung habe Till schließlich alles untergeordnet,« erklärt der Gutachter vor Gericht. »Er habe sie zum Mittelpunkt seines Alltags gemacht und sein ganzes Leben danach ausgerichtet.« Wie sehr Till von seinem Wahn beherrscht wurde, zeigt auch ein dreiseitiger Brief, den die Ermittlenden damals bei der Durchsuchung seines Zimmers fanden. Er hatte ihn am Tag vom Tod seiner Großmutter geschrieben.
48:24
Till selbst bezeichnet ihn als Abschiedsbrief. Darin hält er fest, warum mehrere Mitglieder seiner Familie seiner Überzeugung nach sterben müssen.
48:33
Seine Mutter nennt er nur noch Es, ein Monstrum und ein Dämon. Andere Familienmitglieder werden in seiner Sprache zu ihrer Brut, zu ihren Sklaven. Till schreibt, er müsse dieses vermeintliche Böse aufhalten und zur Hölle schicken, damit es niemals wieder einem anderen Menschen etwas antun könne. Die wahnhafte Störung ist nicht die einzige Diagnose, zu der der Gutachter kommt. Zusätzlich liege bei Till eine schizoide Persönlichkeitsstörung vor. Seit seinem Klinikaufenthalt im Jahr 2012 habe der 27-Jährige zunehmend dysfunktionale Verhaltensweisen an den Tag gelegt.
49:09
In den letzten fünf bis sechs Jahren vor der Tat, so formuliert es der Sachverständige, habe Till so gut wie nichts mehr zu Wege gebracht, sich sozial abgekapselt und fast nur noch in seinem Zimmer gelebt.
49:21
Der Schützenverein sei keine echte Ausnahme gewesen, sondern vor allem Mittel zum Zweck. Till wollte an eine eigene Waffe gelangen, um seinen Racheplan zu verwirklichen. Am 24. Januar 2020 setzt er diesen Plan schließlich in die Tat um. Es folgt ein Blutbad, dessen genauen Ablauf die Kammer mithilfe von Tills Aussage und den Ermittlungsergebnissen wie folgt rekonstruiert.
49:46
Rückblick. Am Morgen des 24. Januar befindet sich Till wie immer in seinem Zimmer. Er ist darauf bedacht, möglichst keinen Mucks von sich zu geben. Vater Dieter geht nämlich davon aus, dass Till längst auf dem Weg nach Stuttgart ist. Till hatte ihm am Vorabend erzählt, er müsse wegen eines wichtigen Studientermins bereits um 6 Uhr das Haus verlassen. Eine Lüge, die ihm nun dabei hilft, unbemerkt in seinem Zimmer zu bleiben und darauf zu warten, bis sein Vater nach Sachsen zur Beerdigung seiner Großmutter aufbricht.
50:16
Zwar findet die Beisetzung erst morgen statt, doch die gesamte Familie will aufgrund der Entfernung schon einen Tag früher anreisen. Till wird sie nicht begleiten, aber er will sehr wohl an der Beerdigung teilnehmen. Jedoch nicht als trauernder Angehöriger, sondern als tödlicher Überraschungsgast, um vor Ort das Feuer auf seine Eltern und seine Halbschwester zu eröffnen.
50:37
Till hat den morgigen Tag genau durchgeplant. Schon vor ein paar Tagen ist er mit einem Mietwagen nach Sachsen gefahren, um den Friedhof auszukundschaften, auf dem er zur Tat schreiten will. Auf dem Rückweg hat er sich in einem Waffengeschäft eine Pistole mit drei Magazinen gekauft, außerdem 350 Schuss Munition.
50:56
Doch je näher die Beerdigung rückt, desto riskanter erscheint Till sein ursprünglicher Plan. In Sachsen werden zahlreiche Trauergäste anwesend sein und damit Menschen, die ihn überwältigen und entwaffnen könnten. Die Gelegenheit, seine Eltern und seine Halbschwester gemeinsam anzutreffen, will er trotzdem nicht verstreichen lassen.
51:14
Um 11.41 Uhr geht auf dem Festnetzanschluss seines Vaters Dieter ein Anruf von Tills Mutter Maren ein. Till hört das Telefonat mit an, wie so oft. Was er dabei erfährt, lässt ihn all seine Pläne über den Haufen werfen. Bisher war Till davon ausgegangen, dass sein Vater von den Schwiegereltern seiner Halbschwester Dana auf den Weg nach Sachsen abgeholt wird und dass sie die Einzigen sein würden, die einen Zwischenstopp im Gasthof machen werden.
51:41
Doch in dem Telefonat seiner Eltern wird nun deutlich, die ganze siebenköpfige Familie wird gleich eintreffen und kurz Rast in Hohenbrück machen. Seine Mutter Maren, seine Halbschwester Dana, also die beiden, auf die er es eh abgesehen hat, Danas zwei Jungs, also Tills Neffen, deren Großeltern, Danas Schwiegereltern und sein Halbbruder Richard. Till wird klar, dass er vielleicht gar nicht bis zur Beerdigung warten muss, um die drei Menschen, die er töten will, zusammen zu bekommen. Sie kommen direkt zu ihm.
52:13
Der 26-Jährige legt seine Pistole bereit und lädt drei Magazine vollständig. Immer wieder blickt er aus dem Fenster und lauscht an seiner Tür. Als er wenig später schließlich Stimmen wahrnimmt, tritt er mit der Pistole aus seinem Zimmer heraus auf den Flur im zweiten Obergeschoss. Er sei aufgeregt gewesen und unsicher, ob er wirklich den Mumm habe, das Ganze durchzuziehen, erinnert er sich vor Gericht. Dann sei es plötzlich ganz schnell gegangen. Weil Dieter offenbar etwas vergessen hat, geht er gemeinsam mit Ehefrau Maren die Treppe rauf nach oben.
52:45
Till wird klar, dass er seine Position hinter der Tür nicht mehr unbemerkt verlassen kann. In dem Moment habe er gewusst, dass es nun kein Zurück mehr gebe. Till reißt die Tür auf und beginnt sofort zu schießen. Zuerst feuert er mehrfach auf seinen Vater, dann auf seine Mutter. Maren schreit und flüchtet die Treppe hinunter. Till setzt ihr nach. Als er dabei an seinem schwer verletzten Vater vorbeikommt, der trotz der Treffer noch immer nicht zu Boden gegangen ist, schießt er ihm in den Kopf. Anschließend folgt er seiner Mutter Maren weiter ins Erdgeschoss und schießt ihr, als sie die Tür zur Küche öffnet, durch die sie offenbar fliehen will, in den Rücken, woraufhin sie zusammenbricht.
53:25
Till will nun seine Halbschwester suchen.
53:27
Doch stattdessen kommt ihm sein Halbbruder Richard vom Hof durch den Hintereingang entgegengerannt. Dabei bleibt Richard mit einem Fuß an der untersten Treppenstufe hängen. Eigentlich habe er ihm überhaupt nichts tun wollen, beteuert Till vor Gericht. Doch weil Richard größer ist und Till befürchtet, von ihm überwältigt zu werden, schießt er mehrfach auf ihn. Schwer verletzt gelingt Richard die Flucht durch den Hinterausgang. Kurz darauf kommt Tills Onkel Alvin vom Hof in das Gebäude gelaufen.
53:54
Er und seine Frau Gisela sind an dem Tag eigentlich nur für Gartenarbeiten da und wollten gar nicht mit zur Beerdigung. Als er nur noch etwa einen Meter entfernt ist, schießt Till auf ihn. Er feuert auf den Mann, der ihn regelmäßig zum Schützenverein gefahren, gemeinsam mit Gisela seinen Führerschein bezahlt und ihn wie einen eigenen Sohn behandelt hat.
54:14
Alvin kann zunächst zurück ins Freie fliehen und läuft in Richtung der Kegelbahn, doch Till folgt ihm und schießt erneut. In diesen Minuten geraten auch Danas Schwiegereltern in Tills Schussfeld. Wann genau er auf die Schwiegermutter seiner Halbschwester feuert, lässt sich später nicht mehr rekonstruieren. Sie hatte sich zu Beginn der Schüsse ebenfalls auf einer Gaststättentoilette befunden und die Tür zum Treppenhaus einen Spalt geöffnet.
54:39
Till schießt sofort, ohne überhaupt zu erkennen, wer sich dahinter befindet. Auch Danas Schwiegervater wird getroffen, als er sich dem Hintereingang nähert und anschließend zu fliehen versucht. Trotz ihrer Verletzungen schaffen es beide aus dem Gasthof und retten sich in ein Planungsbüro auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
54:58
Als Till sich schließlich draußen auf dem Hof befindet, hört er eine vertraute weibliche Stimme. Die Stimme, nach der er die ganze Zeit gesucht hat. Auf einer Holzbank entdeckt er seine Halbschwester Dana. Sie sitzt dort und kümmert sich um ihren schwer verletzten Bruder Richard, dessen Körper halb auf ihr liegt.
55:15
Till läuft auf sie zu und schießt ihr aus kurzer Entfernung in den Kopf. Danach feuert er weitere Male auf sie, um sich dafür zu rächen, dass sie die gemeinsame Mutter angeblich bei der Vergiftung unterstützt hatte. Mindestens eine Kugel trifft auch Richard in den Kopf.
55:31
Nachdem Till seine Halbgeschwister erschossen hat, kommt ihm seine Tante Gisela schreiend aus der Richtung der Kegelbahn entgegengelaufen. Auch sie bringt er mit seiner Pistole für immer zum Schweigen. Doch Till ist damit noch nicht fertig. Erst muss er sicher gehen, dass die Person, die in seiner wahnhaften Wahrnehmung die Ursache all seiner Schmerzen, all seines Scheiterns und seines Unglücks ist, wirklich tot ist. Solange sie lebt, glaubt Till, ist auch das vermeintlich Böse nicht besiegt. Also geht er in den Gasthof zurück und begibt sich zur Küche.
56:04
Dort liegt seine Mutter Maren schwer verletzt auf dem Boden. Als Till den Raum betritt, hebt sie noch einmal den Kopf. Till geht dicht an sie heran und richtet die Pistole auf sie. Dann drückt er ab. Es ist der Schuss, auf den sein Denken seit Jahren zuläuft. Für Till soll er Vergeltung und Befreiung zugleich bedeuten. Mit dem Schuss auf seine wehrlose Mutter endet das Blutbad. Sie ist die letzte Person, auf die Till feuert. Unmittelbar danach begegnet ihm im Bereich der Küche sein Neffe Finn.
56:35
Till lässt ihn laufen. Dann ist es still im Gasthof. Es gibt keine Familienmitglieder mehr, die schreien, keine Angehörigen mehr, die hektisch versuchen zu flüchten.
56:45
Till begibt sich ins Esszimmer des Erdgeschosses. Er denkt darüber nach, wie es nun weitergeht. Dabei zieht er in Erwägung, sich zu suizidieren. Till hält sich das kalte Metall der Waffe an seinen Kopf. Nur eine kleine Bewegung am Abzug, mehr wäre nicht nötig, um auch sein Leben hier und jetzt zu beenden.
57:02
Doch Till entscheidet sich dagegen. Er kann das einfach nicht. Außerdem hat er das Bedürfnis, der Außenwelt erklären zu wollen, warum er diese Tat begangen hat. Und dafür muss er am Leben bleiben. Um 12.48 Uhr greift Till deswegen zum Telefon und wählt den Notruf. Es ist der Moment, in dem er sich stellt.
57:22
Mindestens 30 Schüsse feuerte Till an diesem verhängnisvollen Vormittag in der Gaststätte ab. Auch auf jene, die er gar nicht geplant hatte zu töten. Ursprünglich sollten nur seine Eltern und seine Halbschwester Dana sterben. Dass er auch noch seinen Halbbruder Richard, seine Tante Gisela und Onkel Alvin tötete, die ihn immer gut behandelten, sei einfach dem geschuldet, dass er auf alles geschossen habe, was, Zitat, »sich bewegt hat«.
57:48
Den Kindern von Dana, betont er später, habe er nichts antun wollen. Der Junge, der ihm während der Tat plötzlich gegenüberstand, sagt im Laufe der Verhandlungen als Zeuge aus. Weil seine Mutter Dana von seinem Onkel erschossen wurde, ist der 14-Jährige im Prozess außerdem einer der NebenklägerInnen.
58:06
Finn erzählt, wie er sich auf der Toilette im Erdgeschoss befunden habe, als die ersten Schüsse fielen, wie er die Geräusche nicht habe einordnen können und wie er nach dem Missglückten Versuch durchs Fenster im Esszimmer zu steigen, dann seinem Onkel im Bereich der Küche nahezu in die Arme gelaufen war. Wie er die Pistole gesehen und Angst bekommen hatte.« Er habe seinen Onkel angefleht, ihm nichts zu tun, sagt Finn. Till sei zurückgewichen und habe nur Hau ab gezischt. Finn ist damit der einzige Angehörige, dem Till während der Tat bewaffnet unmittelbar begegnet ist und den er bewusst unversehrt hat entkommen lassen.
58:42
Wie sein Bruder schafft Finn es schließlich, in das Haus einer Nachbarin zu fliehen. Doch auf dem Weg dahin sieht er zunächst die Leiche seiner Oma Maren und wird dann auch noch mit dem schrecklichen Anblick seiner toten Mutter Dana und seines toten Onkels Richard im Hof konfrontiert. Der Junge hat also nicht nur einen Großteil seiner Familie inklusive seiner Mutter verloren, sondern musste Teile des Blutbads auch noch mit ansehen.
59:07
Genau wie ihre Enkel überleben auch Fins Großeltern väterlicherseits das Blutbad. Allerdings hatten sie großes Glück. Eigentlich hatten sie die Jungen an diesem Tag begleitet, um ihnen auf dem schweren Weg der Beerdigung beizustehen. Doch dann werden sie selbst von Tilts Kugeln getroffen.
59:23
Fins Großmutter wird an der Schulter und am Oberarm verletzt. Drei Tage lang ist ihr linker Arm wie gelähmt. Bei seinem Großvater durchschlägt die Kugel zunächst die Hand und dringt anschließend in den Oberkörper ein. Beide Großeltern mussten operiert werden. Als der Prozess beginnt, sind ihre Wunden noch immer nicht vollständig geheilt. Ein Finger des Großvaters ist taub, eine verletzte Rippe bereitet ihm weiterhin Beschwerden.
59:47
Seine Frau leidet noch immer unter Schmerzen. Doch schwerer als das, was die Kugeln in ihren Körper angerichtet haben, wiegt das, was dieser Tag ihnen genommen hat. Beide kämpfen mit den seelischen Folgen und finden nachts nur schwer in den Schlaf. Und sie müssen miterleben, wie ihre beiden Enkel ohne ihre Mutter weiterleben.
60:06
Mithilfe von Tills Einlassung und den Aussagen der Überlebenden kann das Gericht sehr detailliert rekonstruieren. Nun muss die Kammer aber noch klären, welche juristische Verantwortung Till dafür trägt und wie sich seine psychischen Erkrankungen auf seine Schuldfähigkeit ausgewirkt haben.
60:22
Der psychiatrische Sachverständige kommt zu dem Ergebnis, dass Till durchaus erkannt habe, Unrecht zu begehen. Auch sein Vorgehen habe er kontrollieren können. Dafür sprechen die lange Planung, die verschiedenen Tatstrategien – wir erinnern uns an Plan A und Plan B – und seine gezielten Vorbereitungen. Krankheitsbedingt erheblich eingeschränkt sei jedoch seine Fähigkeit gewesen, die eigenen Motive kritisch zu hinterfragen und sich von seinem Vorhaben zu lösen. Zumindest bei den Taten an seinen Eltern und seiner Halbschwester. Bei den übrigen Opfern kann der Gutachter keine eindeutige Einschätzung treffen.
60:56
Wie urteilt man also über einen Täter, der wusste, dass er Unrecht begeht, sich aber von seinen krankheitsbedingten Motiven kaum lösen konnte? Kann man ihn dafür überhaupt bestrafen?
61:10
Am 10. Juli 2020 fällt das Landgericht Ellwang nach sieben Verhandlungstagen sein Urteil. Die Kammer hält es für erwiesen, dass Till in der wahnhaften Überzeugung, seine Mutter habe ihn über Jahre vergiftet, eine Tat plante und beging, die letztendlich sechs Menschen das Leben kostete.
61:27
Mit dem Blutbad im Gasthof zur alten Post habe er sich deshalb des sechsfachen Mordes und zweifachen versuchten Mordes schuldig gemacht.
61:35
Da alle Opfer arg und wehrlos gewesen seien, habe Till in allen Fällen das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt.
61:41
Doch ihn deshalb lebenslang hinter Gitter zu schicken, hält das Gericht nicht für Tat und Schuld angemessen.
61:47
Denn das Gericht folgt dem Sachverständigen, der eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit für die drei ursprünglichen Opfer angenommen hatte und geht darüber hinaus auch bei den übrigen Taten von einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit aus. Deshalb mildert die Kammer den für Mord vorgesehenen Strafrahmen.
62:04
Statt zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt sie Till zu 15 Jahren Haft. Zusätzlich ordnet die Kammer Tills Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Und das ist eine Thematik, bei der ich nach über acht Jahren Mordlust immer noch Schwierigkeiten habe, zu verstehen, was das dann genau heißt in der Praxis. Deswegen habe ich mich da jetzt nochmal erkundigt. Und hier ist es so, Till kommt zunächst nicht in das Gefängnis, sondern in die forensische Psychiatrie.
62:30
Wie lang er dann dort behandelt wird, hängt davon ab, wie sich sein Zustand entwickelt und welche Gefahr nach Einschätzung der zuständigen Gerichte und Sachverständigen noch von ihm ausgeht. Ein Teil der Zeit, die er dann in der forensischen Psychiatrie verbringt, wird dann auf seine 15-jährige Haftstrafe angerechnet, aber maximal zehn Jahre. Das heißt, selbst wenn er 20 Jahre in der forensischen Psychiatrie wäre, müsste er danach eigentlich noch fünf Jahre in Haft. hat aber, laut Benedikt Müller, das ist unser Rechtsexperte, wie ihr wisst, dann mit der Anrechnung zwei Drittel der Strafe hinter sich und kann dann auch Bewährung beantragen.
63:08
Till hatte in seinen letzten Worten zwar beteuert, dass man keine Angst mehr vor ihm haben müsse, doch das Gericht ist angesichts der Gefährlichkeitsprognose des psychiatrischen Gutachters anderer Meinung. Denn auch wenn die Hauptfiguren seiner wahnhaften Geschichte tot sind, Und er sein Ziel gewissermaßen erreicht hat, ist er von der wahnhaften Störung noch lange nicht genesen. Es sei deswegen durchaus denkbar, dass künftig andere Menschen zum Ziel von Tills, Zitat, paranoiden Fehlverarbeitungen werden. Und aus diesem Grund seien eben weitere rechtswidrige Taten von ihm zu erwarten.
63:42
Es ist ein Urteil, mit dem die Vertreter in der Nebenklage nicht zufrieden sind. Sie hatten Tills Geschichte von der angeblichen Vergiftung und dem sich daraus ergebenden Wahn für eine gezielte Inszenierung gehalten. Für den Versuch eines berechnenden Täters, sich selbst als psychisch krank darzustellen und damit einer lebenslangen Haftstrafe zu entgehen. Zitat, es gibt kein Wahn, nur Faulheit und Eigennutz, erklärte die Anwältin von Finn und seinem Bruder.
64:09
Die Nebenklage hatte deshalb lebenslange Haft und eine anschließende Sicherungsverwahrung gefordert. Diese Forderung teilt auch eine enge Freundin von Dana, die im Prozess ausgesagt hatte, um der Ermordeten eine Stimme zu geben. Natürlich hoffen wir alle, dass er nie wieder freikommt, sagt sie später in einem Interview.
64:27
Dass das Gericht keine Sicherungsverwahrung angeordnet hat, beschäftigt sie bis heute. Denn selbst die theoretische Möglichkeit, dass Till eines Tages wieder ein Leben in Freiheit führen könnte, empfindet sie als schwer erträglich. Er hätte dann noch so viele Jahre vor sich, während Dana und die fünf anderen Opfer diese Möglichkeit für immer verloren haben.
64:48
Von außen sieht der Gasthof in Hohenbrück noch genauso aus wie damals. Noch immer steht das Gebäude gut sichtbar an einer vielbefahrenen Straße im Ortskern. Noch immer klafft auf der blassen Sandsteinfassade der rotbraune Schriftzug zur alten Post.
65:05
Doch eigentlich ist nichts mehr so wie damals. Der Gasthof war viele Jahre ein geselliger Treffpunkt. Er war ein Ort, an dem Sportfans zusammenkamen und an dem Fröhlichkeit herrschte. All das gehört jetzt der Vergangenheit an, denn Tills Massaker hat alles verändert.
65:22
Seit dem 24. Januar 2020 ist es im zur alten Post still geworden. Keine Fußballfans öffnen mehr die Eingangstür, niemand stellt Gläser auf den Tresen oder räumt nach einem langen Abend die letzten Flaschen weg. Auf der Kegelbahn fällt kein einziger Kegel mehr. Die Gaststube ist leer. Ebenso die Zimmer, in denen Dieter und sein Sohn nur wenige Meter voneinander entfernt und doch längst in völlig verschiedenen Wirklichkeiten gelebt hatten. An jenem Januarmorgen war die Familie nicht für eine Feier zusammengekommen.
65:53
Sie wollte gemeinsam zu einer Beerdigung fahren, einander auf einem ohnehin schon schweren Weg beistehen und zusammen Abschied nehmen. Doch dazu kam es nie. Stattdessen verloren sechs Menschen an diesem Ort ihr Leben. Getötet von einem Angehörigen, den einige von ihnen bis zuletzt unterstützt, umsorgt und geliebt hatten.
66:13
Zurück bleibt ein Haus, das noch immer aussieht wie ein Gasthof, aber längst keiner mehr ist. Sein Name erinnert heute weitestgehend nur noch an die Schüsse, die hinter der Sandsteinfassade fielen. An die sechs Menschen, die dort innerhalb weniger Minuten ihr Leben verloren. Und an eine Familie, die an diesem Morgen gemeinsam zu einer Beerdigung aufbrechen wollte und stattdessen für immer auseinandergerissen wurde.
66:38
Ja, und genau das lässt mich daran irgendwie nicht los. Diese Vorstellung, dass eine Familie, die ja offenbar nichts geahnt hat, die nicht in Kenntnis darüber war, was in Tills Kopf vorgeht, dass die da an dem Tag offenbar geschlossen zusammensteht, sich aufmachen will und der dann so etwas widerfährt, ja.
66:58
Bei der Recherche nur sehr schwierig nachzuempfinden war, wie die Familie so miteinander war, also wie da die Dynamiken waren unter den Geschwistern, aber auch zu den jeweiligen Elternteilen. Das wurde auch nur teilweise vor Gericht besprochen und relativ widersprüchlich. Also manche haben gesagt, Till wäre in seiner Kindheit ein Nesthäkchen gewesen und sei verhätschelt worden und andere haben aber auch gesagt, dass er eine schwierige Kindheit gehabt habe. Er sei von der Mutter und dem Rest der Familie anders behandelt worden als die Halbgeschwister und quasi immer so ein bisschen außen vor gelassen worden.
67:29
Und auch, dass nach der Geburt seiner beiden Neffen, also Finn und seinem Bruder, er nochmal mehr in den Hintergrund gerückt ist. Aber die Frage ist natürlich auch, ob das nicht selber auch eine Entscheidung von Till war. Denn wann sein Wahn angefangen hat und wie der begonnen hat und wie der gegebenenfalls in der Zeit sein Verhalten auch schon beeinflusst hat, das wissen wir leider gar nicht. Weil Till offenbar so gut darin war, die Anzeichen dafür vor anderen weitestgehend zu verstecken. Diese Vorsichtsmaßnahmen, die er installiert hat, also die verbarrikadierte Tür, die installierte Überwachungskamera, diese Infrarotschranke und dass er die Telefonate abgehört hat, das wurde ja alles erst später bei der Zimmerdurchsuchung gefunden.
68:09
Übrigens ja auch die Lebensmittel und diese Vielzahl an Haarmilch.
68:14
Die einzigen Sachen, von denen wir wirklich wissen, dass Verwandte die wahrgenommen haben in seiner Veränderung, sind ja die Abbrüche zu sozialen Kontakten und dass er eben sehr viel Zeit im Zimmer verbracht hat und dem Schützenverein beigetreten ist. Wobei man das ja auch wirklich nur aus heutiger Sicht als Anhaltspunkt sehen kann. Damals waren seine Tante und sein Onkel ja froh über dieses Hobby und dass er überhaupt einem Interesse nachgeht. Was mich aber natürlich nachhaltig beschäftigt ist, dass seine Mutter irgendeinen Verdacht, warum auch immer, 2012 schon gehegt haben muss, als sie das im Krankenhaus erwähnte, dass er vielleicht einen Psychiater sehen sollte.
68:51
Das ist natürlich wahnsinnig unbefriedigend an der Stelle, darüber jetzt nicht mehr zu wissen und auch von ihr ja nie erfahren zu können, was sie damals dazu bewegt hat, das im Krankenhaus anzusprechen.
69:00
Jedenfalls ist klar, dass Till danach nach außen offenbar einen sehr unauffälligen Eindruck gemacht hat und vor Gericht wurde auch nochmal festgehalten, dass der Arzt, der ihn dann 2019 gesehen hatte, vor der Operation festgehalten hatte, dass Till auf ihn einen psychisch völlig unauffälligen Eindruck gemacht hat. Und dann muss man natürlich auch dazu sagen, dass selbst wenn es psychische Auffälligkeiten gibt, das dann als Wahn zu erkennen und dann auch entsprechend zu handeln, Das ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit hier in dem Fall gewesen.
69:34
Nur nochmal der Vollständigkeit halber, wenn jemand wahnhaft erkrankt ist, heißt das natürlich nicht, dass die Person sicher irgendwann mal eine Gefahr für sich oder andere wird. Also im Gegenteil, der Großteil der an Wahn Erkrankten begeht nicht solche Taten. Ich habe mich noch ein bisschen mit dieser Unzufriedenheit der NebenklägerInnen und der Zugehörigen beschäftigt, die über das Urteil enttäuscht waren. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass das alles eine reine Inszenierung war, weil es meiner Ansicht nach dafür rückblickend schon viel zu lange Anzeichen dafür gab, dass mit Till etwas nicht stimmte.
70:10
glaube ich, dass es sehr nachvollziehbar ist, dass wenn man hört, ja, es hat hier eine Strafmilderung gegeben bei einem sechsfachen Mord, dass das sehr unbefriedigend ist. Andererseits, mir ist da immer ein Satz in Erinnerung, und zwar hat mir mal der Anwalt eines wahnhaften Täters, über dessen Fall wir hier bei Mordlos gesprochen haben, unter der Hand erzählt, da ging es nämlich auch um eine Reaktion der Unzufriedenheit nach Urteilsspruch, der kommt nie wieder raus. Und dass das bei sehr vielen wahnhaften StraftäterInnen der Fall ist.
70:42
Und er meinte, es wird eben oft übersehen und auch vielleicht medial nicht so richtig aufgearbeitet, dass diese Dauer des Aufenthalts von der forensischen Psychiatrie bei der Einweisung ja eben nicht feststeht.
70:53
Ich meine, klar, ein Gericht muss dann regelmäßig prüfen, ob die Unterbringung noch notwendig ist und ob das alles verhältnismäßig ist. Aber entlassen wird die Person ja erst, wenn zu erwarten ist, dass von ihr außerhalb der Klinik keine erheblichen rechtswidrigen Taten mehr ausgehen. Und bei einem Wahn, das muss man halt dazu sehen, der ist ja nicht zuverlässig heilbar. Also eine vollständige Heilung ist eh schwierig. Dann ist die Forschungslage auch noch erstaunlich dünn. Und was das alles natürlich erschwert, ist diese fehlende Krankheitseinsicht. Deswegen finde ich dieses Beispiel, was uns die Expertin für die Folge hier genannt hat, mit der Psychiaterin, die ja selber weiß, wie Warn funktioniert, so eindrücklich.
71:31
Will nur sagen, die forensische Psychiatrie ist jetzt nicht irgendwie eine angenehmere Alternative zum Gefängnis. Es geht dabei nicht um eine Strafe, aber es geht schon um einen Freiheitsentzug verbunden mit einer Behandlung und einer ständigen Begutachtung. Und dass man da auch eben nicht weiß, wann das endet und man theoretisch ein Open End hat, ist natürlich auch nicht zu vernachlässigen. Ob sich das dann für Hinterbliebene nach einer gerechten Lösung anfühlt, ist natürlich eine ganz andere Frage.
72:00
Nächste Woche ist Laura wieder mit dabei und die ist dann nicht nur Erzählerin der Folge, sondern gewissermaßen auch unsere Expertin. Wir begeben uns nämlich mit dem Fall nächste Woche in eine Gesellschaft, Society kann man sagen, über die Laura damals als Reporterin viel berichtet hat, vor allem in England. Bis dahin.
72:22
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Jennifer Fahrenholz und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.
72:46
Stopp, bevor ihr jetzt irgendwo anders hinschaltet, ganz kurz. Sorry, ihr kennt wahrscheinlich diese Stimmen gerade nicht oder wisst sie nicht einzuordnen. Es sind die Stimmen von den Dudes, von Niklas und David. Hallo, wir haben eine ganz kurze Anmerkung und zwar, falls ihr mal eine Auszeit braucht für euer Gehirn, dann hätten wir da was für euch. Wir sind quasi die Stadtranderholung für eure Ohren und würden euch einfach einladen, bei uns mal vorbeizuschauen und ein bisschen einzutauchen, abzutauchen, reinzutauchen, weiter zu schwimmen, um nicht wirklich etwas zu lernen, aber einfach mal sich berieseln zu lassen.
73:14
Ja, bei uns gibt es einen Probemonat für Umme. Also ihr kriegt jetzt hier euren Probemonat für Umme, indem ihr einfach jetzt rübergeht bei Dudes, der Podcast und einfach mal eine Folge anhört, for free. Und dann, wenn die euch gut gefallen hat, kriegt ihr die nächsten 700 Folgen auch for free. Also ihr kriegt quasi Anschluss.
73:32
Auch für Oma. Ist alles umsonst.
73:34
Dieser Podcast beinhaltet absolut keine Abo-Falle, sondern nur Good Vibes. Ja, ist crazy. Kriegt man ja heutzutage kaum mehr irgendwo. Überall musst du dich irgendwo anmelden, hier noch eine E-Mail-Adresse, wenn du kippen willst oder so ein Schmarrn auf irgendeinem Fest will. Nein, wir sagen dazu nein. Keine Anmeldegebühr, keine Kreditkarte, kein Quatsch. Kein Blödsinn.
73:51
Fast auf der gleichen Seite wie ich, oder?
73:53
So, jetzt Mütter in eurer Nähe. Bei den Dudes. Viel Spaß.