00:11
Herzlich willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bumens. Mein Name ist Paulina Krasa.
00:20
Und ich bin Laura Wohlers. In jeder Folge erzählen wir euch von einem Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir uns juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte an und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen.
00:34
True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber mal etwas Luft brauchen, erlauben wir uns manchmal kleine Abschweifungen. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
00:59
In unserer heutigen Folge geht es um eine Entscheidung für das Leben, die gleichzeitig Leben kostet. Alle Namen haben wir geändert. Es ist gegen 9 Uhr morgens an diesem 3. Juli 1997, als Sandra auf der Untersuchungsliege Platz nimmt. Über ihr flimmert hartes Neonlicht, in der Luft liegt der typische Klinikgeruch und neben ihr steht das Ultraschallgerät.
01:23
Das Gerät, das verraten soll, wie es dem kleinen Wesen geht, dessen Herz nicht weit von ihrem schlägt. Die 17-Jährige ist hochschwanger. In knapp einem Monat soll ihre kleine Tochter geboren werden. Sandras Bauch wölbt sich deutlich unter ihrer Kleidung, ihre rotblonden Locken umrahmen ihr weiches Gesicht, während sie der Ärztin vor ihr zuhört.
01:45
Sandra möchte wissen, ob alles nach Plan verläuft. Sie kann es kaum erwarten, ihre Mimi, wie sie sie nennt, endlich in den Armen zu halten. Endlich in die Wiege zu legen, die schon auf die Ankunft des Babys zu Hause wartet. Dass diese Wiege in den nächsten Jahren leer bleiben würde, käme Sandra nicht einmal im schlimmsten Albtraum in den Sinn. Doch genau dafür wollen mehrere Menschen an diesem Tag sorgen.
02:12
Etwa ein halbes Jahr vor der Vorsorgeuntersuchung im Winter 1996 hätte sich Sandra nicht vorstellen können, dass sie nur wenige Monate später schwanger im Krankenhaus liegen würde, während zu Hause bereits eine Babywiege steht. Zum Jahreswechsel von 96 auf 97 sieht ihr Alltag nämlich noch ziemlich anders aus. Sandra lebt das typische Leben eines Teenagers aus der Provinz. Schule, Freundesklicke, Familienstress und das alles in einem kleinen Radius rund um Legebruch, einem kleinen Ort im Landkreis Oberhavel im Norden Brandenburgs.
02:47
Um über Silvester mal rauszukommen, unternimmt Sandra mit ihrer Clique einen Ausflug aufs Land. Mit dabei ist wie so häufig Carina, ihre beste Freundin, seit Kindheitstagen. Geboren am selben Tag im selben Krankenhaus, mit zwei Müttern, die sich ebenfalls verstehen.
03:01
Mit Carina ging Sandra auch in den selben Kindergarten und jetzt in dieselbe Schule. Egal, ob in Sachen Unfug treiben oder über erste Probleme in der Liebe zu sprechen, Carina ist die, bei der Sandra landet, wenn sie Rat, Rückhalt oder einfach jemanden zum Quatschen sucht.
03:17
Bis vor kurzem war neben Carina vor allem Timo ein fester Anker in Sandras Leben, der ebenfalls mit unterwegs aufs Land ist. Timo war Sandras erster Freund, ihr Fels in der Brandung. Ruhig und verlässlich. Doch im September hat etwas begonnen, das Sandras Leben, wie sie es bis dato kannte, auf den Kopf gestellt hat.
03:37
Sie hat sich in Timos besten Freund Markus verliebt. Was als harmlose Schwärmerei begann, hat sich zu etwas Größerem entwickelt. Sandra hat echte Gefühle für ihn. Sie vertraut ihm, auch wenn er so ganz anders ist als Timo. Markus ist lauter, vielleicht etwas unberechenbarer und irgendwie freimütiger. An seiner Seite fühlt sich ihr Leben plötzlich anders an, riskanter, aber auch aufregender. Timo scheint die Trennung mittlerweile akzeptiert zu haben, denn neben ihm ist über Silvester auch Markus mit von der Partie.
04:08
Und ich finde das ganz komisch. Ich weiß nicht, ob das bei dir, da wo du herkommst, auch so war. Aus Uetersen. Ja, genau, aus Uetersen. Also ob man dann auch nach seiner ersten großen Liebe oder halt nach seinem ersten Freund dann noch mit dem abgehangen hat.
04:27
Also ich nicht, weil mein erster Freund hat mich auf Klassenfahrt beschissen mit einer Freundin. Von daher hatte ich da wenig Interesse dran.
04:36
Aber hier, ich meine, drei Monate ist das ungefähr erst her, dass Sandra mit dem besten Freund von Timo was angefangen hat. Und jetzt machen die alle zusammen eine nette Fahrt. Das finde ich irgendwie, also ich glaube, das ist eher so was, was passiert, wenn man in so einer richtig, richtig, richtig kleinen Stadt wohnt. Weil heutzutage, also in unserem Alter jetzt, würde das was, glaube ich, nicht passieren.
05:02
Also ich hoffe, das würde aus anderen Gründen nicht passieren. Ich muss sagen, für mich spricht das eher für Timo jetzt. Also der scheint ja eher so ein ruhiger, besonnener Typ zu sein. Der tut mir jetzt halt auch schon ein bisschen leid. Während dieser Reise aufs Land geht es in der Clique viel um das Thema Zukunft, darüber, was sie mal machen wollen nach der Schule. Sandra wird im Sommer die zehnte Klasse hinter sich bringen und somit die mittlere Reife abschließen.
05:30
Während andere aus der Runde davon erzählen, Abitur machen zu wollen, hat sie andere Pläne. Sandra kann sich eine Ausbildung zur Krankenpflegerin vorstellen. Die Arbeit mit älteren Menschen würde ihr bestimmt Freude bereiten. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Hauptsache nicht mehr die Schulbank drücken und sich ein eigenes Leben aufbauen. Und während Sandra noch über ihre Zukunft spricht, hat diese eigentlich schon längst begonnen. Denn in ihrem Körper hat sich mehr eingenistet als nur die Gedanken an das, was vor ihr liegt.
06:00
Am 30. Januar 1997, knapp einen Monat nachdem die Clique zurück von ihrer Reise ist, bestätigt ihr eine Ärztin, was Sandra bereits geahnt hat. Die 16-Jährige ist schwanger und das schon im zweiten Monat. Es stimmt also, nachdem sie von dem Termin heimkommt, will sie ihrem Freund von der jetzt sicheren Neuigkeit erzählen. Sie weiß nicht genau, wie er reagieren wird, hofft aber insgeheim auf Unterstützung, vielleicht sogar auf Vorfreude.
06:29
Doch als sie Markus klar macht, dass sie ein gemeinsames Kind erwarten, passiert etwas, womit sie so nicht gerechnet hat. Markus stellt die Vaterschaft in Frage. Statt mit ihr gemeinsam über die Zukunft nachzudenken, macht er mit Sandra Schluss. Für Sandra fühlt es sich so an, als würde ihr jemand mit voller Wucht in die Magengrube schlagen. Dass Markus offenbar für möglich hält, dass sie zweigleisig gefahren wäre, trifft sie hart. Von einem Augenblick auf den anderen zerfällt das Wir, das sich Sandra mit Markus gerade erst aufgebaut hat in ein kaltes, distanziertes Ich.
07:03
Und aus dem Jungen, mit dem sie sich ein neues Leben aufbauen wollte, wird jemand, der sie mit dieser gewaltigen Veränderung allein lässt.
07:11
In der Hoffnung, dass zumindest ihre Eltern, Sylvie und Konrad, hinter ihr stehen und sie in dieser schwierigen Zeit auffangen, vertraut sich Sandra ihnen ein paar Tage später an. Doch auch hier ist die Reaktion eine andere, als sie sich erhofft hat. Ein Abbruch wäre das Vernünftigste, sagen sie. Sie sprechen von Sandras Zukunft, von Türen, die sie schließen und Chancen, die vergeben werden.« Ihre Eltern versuchen Sandra mit allen Mitteln davon zu überzeugen, dass es besser sei, in ihrem jungen Alter noch kein Kind zu bekommen. Schon gar nicht, wenn der Vater das nicht auch möchte.
07:44
Doch für Sandra kommt das gar nicht in Frage. Für sie steht schon lange fest, dass sie das Wesen unter ihrer Brust austragen wird. Doch der Gegenwind, nicht nur von dem Erzeuger des Kindes, sondern auch von den werdenden Großeltern, verlangt Sandra viel ab.
07:58
Und da mischen die sich ja jetzt schon doll ein ins Leben ihres Kindes oder ihrer Tochter. Und ich frage mich, ob es da eine Grenze gibt. Also wie findest du das? Also ab wann darf man sich nicht mehr einmischen? Und bei solchen Sachen darf man sich da überhaupt einmischen? Also wenn du meinen Vater fragst, dann hört das nie auf.
08:22
Ich kann das schon verstehen, dass die ihr da so ein...
08:26
Tipp geben, sag ich mal. Das kommt ja auch so ein bisschen auf ihre psychische Verfassung drauf an. Und so ist die überhaupt schon so weit, dass die jetzt Mutter werden kann. Ich kann das schon verstehen, dass man das einmal so zur Diskussion stellt. Ich finde sie aber halt echt stark. Also dass sie sagt so, nee, ist mir klar und ich will das auf jeden Fall. Und dann darf man da ja auch echt nicht gegen angehen. Also wenn sie das Kind will und man überredet sie dann aber, die Schwangerschaft abzubrechen, das kann ja einen massiven Schaden auslösen.
08:54
Ja, finde ich auch. Ich fand interessant, dass sie im Urteil schreiben, verständlicherweise hat die Familie so reagiert. Und das fand ich irgendwie witzig, weil man ja ab 18, also nur eigentlich ein Jahr später als Sandra, als erwachsen gilt.
09:10
Genau, dieser Gegenwind, der lässt dann auch erstmal nicht nach. Am darauffolgenden Wochenende findet sich Sandra am Küchentisch vor einer Wand Erwachsener mit sorgenvollen Gesichtern wieder. Nicht nur ihre Eltern sitzen ihr gegenüber, auch ihre Oma. Sogar Markus' Mutter Brigitte und ihre Tochter, Markus' ältere Schwester Marie, sind gekommen. Die Unterhaltung beginnt wie viele solcher Gespräche, mit guten Absichten, aber einem Ergebnis, das schon festzustehen scheint, bevor Sandra überhaupt ihre Sicht der Dinge schildern kann.
09:40
Die Erwachsenen zählen erneut auf, was alles möglich wäre, wenn Sandra sich jetzt gegen das Kind entscheiden würde. Eine rosige Zukunft wird ihr gezeichnet. Tolle Reisen werden ihr versprochen, aber auch materielle Dinge wie neue Kleidung. Sandras eigene Stimme kommt kaum vor. Wenn sie etwas sagt, dann greifen die anderen den Faden auf, spinnen ihn in eine andere Richtung und erzählen von eigenen Erfahrungen, die sie Sandra ersparen wollen. Es ist gut gemeint, schon klar. Und trotzdem, es ist ihr Leben, über das hier gesprochen wird, während sie aber bloß dabei sitzt, als wäre sie eine Zuschauerin.
10:14
Als das Gespräch sich allmählich im Kreis dreht und die Situation wie festgefahren scheint, steht Markus' Mutter Brigitte auf. Sie bittet Sandra, mit ihr ins Nebenzimmer zu kommen, und zwar allein. Die große Frau mit den braunen Haaren und dem streng wirkenden Mittelscheitel wirkt einschüchternd. Sandra ist ihr bisher kaum begegnet. Jetzt füllt sie den Raum nicht nur mit ihrem kräftigen Körper, sondern auch mit ihrer Präsenz.
10:37
Brigitte erzählt zunächst von sich. Auch sie habe Markus Jung mit 19 Jahren bekommen. Auch bei ihr sei die Beziehung mit dem Erzeuger früh zerbrochen. Sie musste ihre zwei Kinder Markus und Marie allein großziehen und immer schauen, wie sie finanziell über die Runden kommt. Ein Kind in Sandras Alter gefährde nicht nur Sandras Zukunft, sondern auch die von Markus. Sandra könnte ihm womöglich mit dieser Entscheidung die Zukunft verbauen.
11:02
Schließlich gehen die beiden Frauen gemeinsam zurück zu den anderen an den Küchentisch. In den Augen der Erwachsenen war die Unterhaltung mit Markus' Mutter erfolgreich, denn Sandra stimmt dem Abbruch jetzt plötzlich zu. Und dann geht es mit einem Mal um Praktisches. Wann soll der Termin sein? Wer fährt Sandra zur Klinik? Während die Erwachsenen organisieren, wird Sandra klar, dass hier offenbar eher die Bedürfnisse der anderen im Vordergrund standen. Ihre Eltern, die Großmutter, Brigitte, Markus. Es geht um seine Ausbildung und seine Pläne, die sie ihm zu versauen drohe.
11:35
Und so eine Situation ist für schwangere junge Frauen leider keine Seltenheit, hat uns Susanne Hentsch erzählt. Sie ist Sozialarbeiterin und Schwangerschaftsberaterin.
11:44
Es gibt kaum ein Thema, was so viele Reaktionen und Meinungen in der Gesellschaft, im Umfeld hervorruft wie eine Schwangerschaft. Also jeder hat eine Meinung dazu, jeder positioniert sich, jeder ist vielleicht bei seinen eigenen Geschichten. Also da prasseln enorm viele Eindrücke auf die Schwangere ein.
12:03
Und diese vielen Meinungen anderer helfen jungen Schwangerinnen natürlich nicht unbedingt immer weiter, weil sie auch schon ohne solche Kommentare oft überfordert sind mit der Situation, weiß unsere Expertin.
12:15
Es gibt Zweifel, Zweifel an der eigenen Entscheidungsfähigkeit. Bin ich in der Lage, die Entscheidung zu treffen? Wie gehe ich damit um? Wie reagiert mein Umfeld? Wie geht mein Leben weiter? Wo liegt meine Zukunftsperspektive? Ja.
12:29
Und dieses Gefühl, eventuell alleingelassen zu sein, das alleine bewerkstelligen zu müssen, das ist ein ganz präsentes Gefühl in dieser Situation.
12:39
Deshalb sind Schwangerschaftsberatungen wichtig, um einmal den Lautstärkepegel herunterzuregeln und mit einer objektiven, unabhängigen dritten Person zu sprechen, die einem erklären kann, was es im Falle einer Fortsetzung der Schwangerschaft, wie sie in dem Fall Sandra vorhat, überhaupt für Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Denn das, was Sandras Umfeld ihr immer wieder deutlich machen will, nämlich, dass eine Schwangerschaft in ihrer Lage den finanziellen Ruin bedeuten muss, ist zumindest heute ein Irrtum. Hent hat uns erklärt, dass eine Schwangere in einer solchen Situation Bürgergeld erhalten kann und demnach auch eine Wohnung finanziert bekommen würde.
13:16
Die Expertin sagt, so sichere man die Schwangere ab, sodass diese existenziell nicht zwingend von den Eltern abhängig sei. So wolle man sicherstellen, dass die Frau eine Entscheidung nicht aus finanzieller Abhängigkeit treffen muss. Außerdem gibt es zum Beispiel Unterstützung bei der Kinderbetreuung, sodass die Mutter dann auch kurz nach der Geburt wieder arbeiten oder einer Ausbildung nachgehen kann, wenn sie das denn möchte.
13:39
Der Staat bietet minderjährigen Schwangeren heute auf jeden Fall mehr finanzielle und strukturelle Unterstützung als früher, wobei es da jetzt auch schon verschiedene Hilfestellungen gab. Heute ist es so, dass Unterstützungsleistungen wie das Bürgergeld, eine Erstausstattung, Kita-Plätze und so Modelle wie das Mutter-Kind-Wohnen eben verhindern sollen, dass eine Entscheidung allein aus Angst vor materieller Not getroffen werden muss. Was diese Hilfen aber heute wie früher nicht ersetzen können, ist das, was Sandra in dieser Situation gerade fehlt.
14:09
Also es ist natürlich schon so, dass du als 17-Jährige generell auf die Unterstützung von Erwachsenen angewiesen bist. Auch wenn du jetzt davon ausgehst, okay, der Kindsvater, der kümmert sich jetzt auch nicht. Und natürlich kann es sein, dass man in so einer Situation krass überfordert ist. Und wenn man dann aber schon von allen signalisiert bekommt, wir wollen nicht, dass du das Kind hast, ist die Angst natürlich auch größer, diesen Rückhalt dann gar nicht zu haben. Und das finde ich hier schon echt auch ein bisschen perfide fast, weil sich das fast wie so eine Manipulation anfühlt.
14:43
Wir wollen nicht, dass du das hast und wir setzen dich jetzt unter Druck, damit du eine Entscheidung zu unseren Gunsten fällst, so nach dem Motto. Auch wenn sie damit angeblich ihr Bestes auch im Sinn haben, ne?
14:54
Und keiner fragt auch irgendwie mal, was möchtest du denn eigentlich? Mhm.
15:00
Nach dem Gespräch mit den Erwachsenen stiefelt Sandra um des Familienfriedenswillen zu einem Termin zur Beratung, um sich da diesen Schein abzuholen für den Schwangerschaftsabbruch. Das ist ja bekannt, man braucht diesen Schein von einer staatlich anerkannten Beratungsstelle, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen zu dürfen. Das ist gesetzlich so geregelt. Und kurze Zeit später steht dann für Sandra der Termin für den Abbruch im Krankenhaus an. Sie will das nämlich dort machen.
15:27
Ihre Eltern fahren Sandra hin, die mittlerweile im dritten Monat schwanger und sich immer noch sicher ist, das Kind zu bekommen. Dass sie also gar nicht vorhat, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, das lässt sie sich nicht anmerken. Vor dem Eingang zur Klinik steigt Sandra dann aus. Dort erkennt sie zwei bekannte Gestalten. Es sind Markus und seine Schwester Marie.
15:49
Wird Sandra hier etwa kontrolliert? Erst von ihren Eltern, die sicher gehen wollen, dass sie auch ja im Krankenhaus ankommt und jetzt von ihrem Ex-Freund, der sich vergewissern will, dass diese ungewollte Schwangerschaft auch sicher abgebrochen wird? Sandra betritt das Krankenhaus und lässt sich erklären, was genau passieren wird und welche Risiken es gibt. Doch kurz bevor der Eingriff beginnen soll, bittet Sandra darum, noch einmal auf Toilette gehen zu können. Dort angekommen, blickt sie aus dem Fenster. Es ist groß genug, um herauszuklettern. Sandra öffnet es.
16:20
Kalte Februarluft strömt ins Innere. Jetzt oder nie. Sandra klettert hinaus, springt auf den Asphalt und läuft los. Ihr Ziel hat sie fest im Blick. Das Zuhause ihrer besten Freundin Carina, die mit ihrer Mutter nur wenige Gehminuten entfernt wohnt.
16:36
Dort, völlig außer Puste angekommen, wird sie herzlich empfangen. Carina und deren Mutter machen Sandra keine Vorwürfe. Im Gegenteil. Nach Wochen, in denen die Menschen um sie herum eine klare Meinung hatten und kaum jemand fragte, was Sandra eigentlich selbst möchte, erlebt sie hier Verständnis und Geborgenheit.
16:55
Als Sandra sich schließlich nach Hause traut, rechnet sie mit dem Schlimmsten. Mit Vorwürfen, mit »Wie konntest du nur?« Stattdessen passiert etwas Überraschendes. Ihre Eltern reagieren plötzlich verständnisvoll, gehen sanft mit ihr um, so als hätten sie durch Sandras Flucht endlich eingesehen, wie ernst es ihr ist, also dass sie das Kind wirklich will. Und so wird die Schwangerschaft nun nicht länger als Katastrophe behandelt, sondern akzeptiert.
17:24
In den nächsten Wochen und Monaten wird aus der ungewollten Schwangerschaft ein Kind. Mimi, auf das sich alle im Hause freuen. Als Sandra ungefähr im sechsten Monat ist, zieht ihre Schwester aus ihrem gemeinsamen Kinderzimmer aus, um Platz zu machen für Mimi. Sandra freut sich darüber, den Raum endlich babyready zu machen.
17:44
Sie kümmert sich um eine Erstausstattung, einen Kinderwagen und eine Babywiege. Außerdem spricht sie beim Sozialamt vor und erledigt die erforderlichen Behördengänge. In ihrem Tagebuch wird das Datum markiert, auf das alles hinausläuft. Der errechnete Entbindungstermin am 7. August 1997. Der tägliche Blick in das leere Babyzimmer erinnert Sandra jedoch auch daran, dass selbst mit Mimis Ankunft etwas fehlen wird.
18:10
Der Gedanke, ihre Tochter ohne Markus an ihrer Seite großziehen zu müssen, macht sie noch immer traurig. Doch seit er vor kurzem überraschend zu ihrem 17. Geburtstag bei ihr zu Hause erschienen ist, keimt in ihr wieder leise Hoffnung auf. Vielleicht war die Trennung ja doch nicht endgültig.
18:27
Umso mehr freut sie sich darüber, dass die beiden in letzter Zeit wieder häufiger miteinander telefonieren. Vielleicht kommt er ja sogar Anfang Juli mit zum nächsten Vorsorgetermin ins Krankenhaus. Am Tag davor greifen beide jedenfalls noch einmal zum Hörer. Sandra kann zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass dies das letzte Telefonat mit Markus sein wird.
18:52
Paulina, sag mir mal eine Sache, die du anderen immer rätst, also du da echt einen guten Ratschlag übrig hast, aber trotzdem dich selber nicht daran hältst. Alles.
19:03
Also da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin eine super Lebensberaterin. Ich bin sicherlich auch eine, kannst du auch bestätigen, ich bin auch eine gute Coachin. Natürlich keine zertifizierte, aber für meine FreundInnen. Da weiß ich Rat. Da habe ich auch die Weisheit so richtig mit einem Löffel gefressen. Und selber bin ich aber total lebensunfähig in ganz vielen Sachen.
19:24
Ich weiß aber, wo du zumindest ganz gut bist. Eine Sache, an die du mich öfters erinnern musst, ist Wassertrinken.
19:33
Ja, das mache ich genug.
19:35
Weil seitdem ich dich kenne, jedes Mal, wenn wir zum Beispiel im Restaurant oder im Café oder sowas sind, bestellt Paulina eine riesige Flasche Wasser für sich und kriegt die auch komplett leer. Und ich krebs da mal einen halben Liter Sprudelwasser rum.
19:50
Genau, ich bin ein kleines Wasserbüffelchen. Also das kriege ich auf jeden Fall immer hin. Ja.
19:55
Vor allem, weil sich mein Körper ja dazu entschieden hat, mit Mitte 30 jetzt nochmal Migräne zu bekommen. Das heißt, da muss ich jetzt auch wirklich immer aufpassen, weil ich Angst habe, dass das sonst einen Anfall irgendwie begünstigt. Also was mir immer hilft, ist, das Wasser dann auch so in Sichtweite zu haben, also immer dabei zu haben. Nirgendwohin ohne Wasser.
20:14
Ja, damit kann man sich auch so selber ein bisschen austricksen. Aber ich habe noch eine andere Lösung gefunden, womit ich mehr Wasser trinken kann. Und zwar, indem ich Wasser einfach zu einem Spaßgetränk mache. Bei Air Up steckt auf der Trinkflasche nämlich ein Duftpott, für alle, die das nicht kennen. Und über den nimmt man beim Trinken Geschmack wahr. Also zum Beispiel Eistee, Ananas oder Wildberry. Obwohl man eigentlich ganz normales Wasser trinkt. Also ganz ohne Zucker und ohne andere Zusätze.
20:44
Und ich mag zum Beispiel den Eistee richtig gerne.
20:48
Ich liebe ja auch Eistee und bei Erb finde ich vor allem toll Eistee Mango. Neuerdings gibt es auch Orange Cola. Und das ist auch das Coole an Erb. Die haben richtig viele verschiedene Duftpots, das auch wirklich für jeden und für jede, was dabei ist. Und man so eben viel leichter mehr Wasser trinkt, ohne dass es langweilig wird.
21:05
Genau. Und gerade wenn man den ganzen Tag, wie wir jetzt vorm PC sitzen oder vorm Mikro, greife ich dadurch viel öfter zur Wasserflasche, einfach weil es mir mehr Spaß macht.
21:15
Wenn ihr AirUp auch mal ausprobieren möchtet, bekommt ihr mit dem Code MORTLUS bis zum 15. September 10% Rabatt im AirUp-Shop. Ausgenommen sind bereits reduzierte Bundles. Das Angebot gilt in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
21:27
Weitere Infos findet ihr auf air-up.com und wie immer auch nochmal in unserer Folgenbeschreibung.
21:40
Es ist der 3. Juli 1997, als bei der Polizei Oberhavel am Abend eine Vermisstenanzeige eingeht. Sandra, eine hochschwangere 17-jährige Schülerin aus Legebruch, ist seit dem Vormittag verschwunden. Zuletzt wurde sie bei einem Vorsorgetermin im Krankenhaus Henningsdorf 15 Autominuten von Legebruch entfernt gesehen. Als sie bei ihrer besten Freundin, mit der sie danach verabredet war, nicht eingetroffen und auch den ganzen Nachmittag über nicht zu erreichen war, kontaktierte diese die Eltern der Vermissten.
22:11
Für die BeamtInnen wirkt das Verschwinden des Mädchens zunächst wie viele Fälle, die sie kennen. Eine Jugendliche, die vielleicht Streit zu Hause oder mit dem Freund hat und vermutlich schnell wieder auftaucht. Doch je genauer sie hinschauen, desto weniger passt das Bild eines aufmüpfigen Teenagers.
22:28
Der errechnete Geburtstermin steht kurz bevor und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass die junge Frau ein Leben hinter sich lassen wollte, auf das sie sich monatelang vorbereitet hat. Für die Ermittlenden wird immer deutlicher, eine klassische Ausreißerin ist sie nicht. Die Polizei fährt also das ganz große Besteck auf. Hunde suchen das Gebiet zwischen Krankenhaus und Carinas Wohnung ab, ein Hubschrauber kreist über Henningsdorf.
22:54
Die komplette Umgebung wird abgesucht. In den Tagen nach dem Verschwinden berichten Lokalmedien über die verschwundene, hochschwangere Jugendliche. Doch auch sechs Tage nach ihrem Verschwinden gibt es noch keine Spur von Sandra. Also wird sie am 9. Juli zur bundesweiten Fahndung ausgeschrieben.
23:12
Der Druck auf die Polizei steigt, doch auch diese Maßnahme ist vergeblich. Sandra bleibt vermisst. Ein Mädchen, das auf einem wenige hundert Meter langen Weg wie vom Erdboden verschluckt wurde. Und das am helllichten Tag. Wie kann das sein?
23:29
Die ErmittlerInnen arbeiten zunächst verschiedene Szenarien durch. Zuerst das naheliegendste. Sandra könnte freiwillig verschwunden sein. Aus der Klinik gibt es den Hinweis, dass Sandra einen Bekannten an der Ostsee erwähnt habe. Also prüfen die PolizistInnen, ob Sandra nach dem Termin möglicherweise dorthin aufgebrochen ist, obwohl sie eigentlich mit ihrer besten Freundin Carina zum Shoppen verabredet war.
23:53
Aber nichts, keine Fahrkarte, keine Kontakte weisen darauf hin, dass sie sich dort ein neues Leben aufbauen wollte. Einen Suizid hält die Polizei nach Rücksprache mit dem Umfeld von Sandra ebenso für unwahrscheinlich wie eine spontane Flucht aus ihrem bisherigen Leben. Und warum sollte eine junge Frau kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes davonlaufen oder ihr Leben beenden, wenn zu Hause alles auf dieses Kind ausgerichtet ist?
24:19
Als nächstes rückt also die Möglichkeit eines Zufallstäters in den Blick. Die Strecke zwischen Krankenhaus und der Wohnung von Sandras bester Freundin Carina ist kurz. Theoretisch hätte dort jemand warten oder Sandra unterwegs ansprechen können. Die Polizei überprüft bekannte Sexual- und Gewaltstraftäter aus der Region und geht Hinweisen aus der Bevölkerung nach.
24:40
Doch es gibt keine Zeuginnen, die Sandra auf dem Weg gesehen haben. Dass sie nach ihrem Termin bei einem Fremden mit ins Auto gestiegen sein könnte, schließt ihr Umfeld aus. Es ergibt sich keine Spur, die auf einen Fremdtäter hindeutet. Aber ausgeschlossen werden kann dieses Szenario nicht. bleibt eine dritte Richtung, die ins direkte Umfeld. Dabei überprüfen die ErmittlerInnen die Menschen, die Sandra am nächsten stehen. Markus, der Vater ihres ungeborenen Kindes, Timo, ihr erster fester Freund, den sie für Markus verlassen hat, FreundInnen aus der Clique und Familienmitglieder.
25:16
Sie alle werden befragt, Angaben werden überprüft und mögliche Beweggründe für eine Tat durchgegangen.
25:23
Trotz intensiver Ermittlungen gelingt es der Polizei aber nicht, Verdachtsmomente im privaten Umfeld zu erhärten und einen möglichen Tatablauf zu rekonstruieren, der belastbar auf eine einzelne Person zeigt. Alle Spuren verlaufen mit der Zeit im Sand.
25:38
Während die Polizei im Halbdunkel entappt, entwickelt sich der Alltag von Sandras Eltern Sylvie und Konrad in ein einziges unerträgliches Warten. Die leere Wiege ist ein stummes Relikt, das sie ständig daran erinnert, dass sie nicht nur ihre geliebte Tochter Sandra, sondern auch ihr zukünftiges Enkelkind vermissen. Nachdem sie den Wunsch ihrer Tochter, das Kind zu bekommen, endlich akzeptiert hatten, überwog die Vorfreude irgendwann. Sie hatten richtiggehend auf die Rolle als Großeltern hingefiebert, gemeinsam mit Sandra das Zimmer eingerichtet und die Zukunft mit Kind durchgeplant.
26:10
Sandra wäre ein Jahr lang zu Hause geblieben und hätte dann eine Ausbildung zur Krankenpflegerin beginnen sollen, während Mutter Sylvie, die in einer Kita arbeitet, Mimi dorthin mitgenommen hätte.
26:21
Mit der Vermisstenanzeige beginnt für Sylvie und Konrad dann aber eine zweite Realität. Eine, in der sie sich von den Behörden nicht ausreichend ernst genommen fühlen und darum eigene Schritte gehen. Nachdem die Polizei ihnen anfangs erklärt hat, dass Sandra wahrscheinlich nur ausgebüxt sei, lassen sie eigenhändig Flugblätter drucken, sprechen Menschen auf der Straße an, fragen immer wieder bei der Lokalzeitung nach neuen Infos und stocken die ausgesetzte Belohnung für Hinweise auf das Doppelte auf. Sie ermitteln auf eigene Faust.
26:52
Immer wieder erreichen Sylvie und Konrad Nachrichten von angeblichen Sichtungen ihrer Tochter. Menschen wollen Sandra in verschiedenen Städten gesehen haben. Einer dieser Hinweise führt sogar ins Hamburger Rotlichtmilieu. Obwohl Sylvie und Konrad diese Spur für kaum vorstellbar halten, engagieren sie einen Privatdetektiv, der ihr nachgeht. Am Ende bestätigt sich auch dieser Verdacht nicht. Die Spur bleibt ergebnislos.
27:17
Die Suche der Eltern wird mit der Zeit immer verzweifelter. In Henningsdorf wird zu der Zeit, als Sandra verschwindet, eine Straße geöffnet und Rohre in mehreren Metern Tiefe verlegt. In Silvie und Konrad setzt sich die Vorstellung fest, jemand könnte Sandras Leiche dort verscharrt haben, im Rohrgraben, unter Asphalt einbetoniert.
27:37
Aufgrund einer Mischung aus Angst und Hoffnung plündern sie ihr Erspartes und bezahlen auf eigene Rechnung eine Aufgrabung. Aber die rund 15.000 D-Mark reichen nur für einen Bruchteil der Strecke. Der errechnete Geburtstermin verstreicht schließlich. Monate ziehen ins Land, dann Jahre.
27:55
Nur weil Konrad weiter seiner Arbeit als Produktionsleiter im Stahlwerk Henningsdorf nachgeht, wird er in dieser Zeit nicht verrückt, wie er selber sagt. Doch lang bringen er und Sylvie es nicht übers Herz, die leere Wiege und die anderen Anschaffungen für Mimi wegzuräumen. Noch immer ist da der klitzekleine Funken Hoffnung, dass ihre Tochter und ihr Enkelkind doch noch zurückkommen.
28:16
Der Fall Sandra wird schließlich als ungeklärtes, mutmaßliches Tötungsdelikt geführt. Die Akte wandert ins Regal und aus dem Fall wird ein Cold Case. Ganze elf Jahre vergehen, bis sich bei der Polizei plötzlich Sandras Vater Konrad mit einer Bitte meldet. Er habe von einem neuen Format der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst gehört, dass ich ausschließlich um vermisste Kinder drehe und bitte darum, dass der Fall seiner Tochter dort präsentiert wird. Ein paar Monate später greift die Polizei also doch noch einmal nach einem letzten Strohhalm.
28:48
Vielleicht lässt sich damit ja doch noch jemand finden, der sich an etwas von damals erinnert bzw. sich jetzt erst traut zu sprechen.« Obwohl sich durch die Sendung keine neuen Hinweise ergeben, entscheiden die Behörden auf Anraten eines neuen Staatsanwalts, den Fall Sandra noch einmal neu aufzurollen. Bei der erneuten Durchsicht der Akten fällt eine damalige Zeugin besonders ins Auge. Eine sehr gute Freundin von Markus wurde damals mehrmals auf Gerüchte angesprochen. Sie habe in ihrem privaten Umfeld erzählt, Markus habe ihr gebeichtet, Sandra getötet zu haben.
29:23
Doch bei jeder neuen Vernehmung blieb sie dabei, nichts über das Verschwinden von Sandra zu wissen. Jetzt, zwölf Jahre später, laden die ErmittlerInnen die Zeugin namens Jacqueline, die mittlerweile Anfang 30, nicht mehr mit Markus befreundet und selbst Mutter geworden ist, erneut vor. Die PolizistInnen versuchen, um Verständnis für die Eltern von Sandra zu werben, die immer noch nicht wissen, was mit ihrer Tochter passiert ist.
29:49
Jacqueline schweigt wie auch schon vor etlichen Jahren, bis sie allein mit einer Polizistin im Vernehmungsraum ist. Dann fängt sie plötzlich an zu weinen und sagt schließlich den Satz, der alles in diesem Fall verändern wird. Ich habe Angst, dass das, was ich weiß, wahr sein könnte.
30:08
Im Frühsommer 2013, ein Jahr nach der Vernehmung der neuen alten Zeugin, öffnet sich im Landgericht Neuropin die Tür des großen Saals. Auf der Anklagebank sitzen drei Personen. Es sind Markus, seine Mutter Brigitte und Jochen Sievert, ein Mann Ende 70. Sievert sitzt im Rollstuhl mit eingefallenem Gesicht. Er ist ein Bekannter von Brigitte und genauso wie sie und Markus angeklagt, für das spurlose Verschwinden von Sandra verantwortlich zu sein.
30:36
Die Zuschauerreihen sind voll. Journalistinnen und Menschen aus der Region, die die Vermisstenmeldung von damals noch im Kopf haben, drängen sich auf den Plätzen. Sandras Eltern Sylvie und Konrad haben die Nebenklage angetreten. Sie hoffen inständig, dass dieser Prozess endlich die Wahrheit ans Licht bringt. Seit 16 Jahren leben sie mit der Ungewissheit, was mit ihrer Tochter und ihrem ungeborenen Enkelkind passiert ist. 16 Geburtstage ihrer Tochter sind ohne fröhliche Feiern verstrichen, 16 Weihnachtsfeiertage mit leeren Plätzen am Esstisch vergangen.
31:08
Man sieht Sylvie und Konrad an, wie lang diese Jahre für sie waren. Jetzt sitzen sie nur ein paar Meter von Markus und Brigitte entfernt. Menschen, die sie damals sogar in ihr Zuhause eingeladen, denen sie vertraut haben und denen die Staatsanwaltschaft nun vorwirft, den Tod ihrer Tochter verschuldet zu haben.
31:26
Markus ist inzwischen Mitte 30. Das Jackett, das ein großes Tattoo an seinem linken Unterarm verdeckt, hängt ihm etwas zu weit von den Schultern. Sein Blick hält er meist nach unten gerichtet. Neben ihm sitzt seine Mutter Brigitte im hellen Blazer, die Lippen schmal. Um zu erklären, warum Mutter und Sohn heute gemeinsam mit einer weiteren Person auf der Anklagebank sitzen, führt der Staatsanwalt die Anwesenden zurück zu jenem Moment, in dem Sandra sich für ihr Kind entscheidet. Ein Moment, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft den Beginn eines unheilvollen Plans markiert.
32:01
Als Sandra im Februar 1997 aus der Klinik in Henningsdorf flieht, soll Brigitte, Markus' Mutter, den Plan gefasst haben, Sandra und ihr ungeborenes Kind verschwinden zu lassen. Brigitte, die von der Staatsanwaltschaft als Materialchen beschrieben wird, als Frau, die ihr Leben lang gewohnt ist, zu bestimmen, was um sie herum passiert. Brigitte ist ausgebildete Fachlehrerin für technisches Zeichnen, hat an der Humboldt-Universität in Berlin Lehramt studiert, jahrzehntelang als Lehrerin und Dozentin gearbeitet und bis vor kurzem als Online-Trainerin lernwilligen Microsoft-Programme erklärt.
32:36
Eine Frau, deren Beruf darin besteht, anderen zu zeigen, wie etwas richtig zu laufen hat.
32:42
Die Lehrerin hat zwei Kinder, Markus und Marie, und laut Anklage sind beide gewohnt, sich der als gefühlskalt beschriebenen Mutter zu fügen. Denn wenn sie ihr widersprechen, kann sie hart und nachtragend reagieren. Marie hat deshalb vor vielen Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen.
33:00
Seit einiger Zeit lebt Brigitte jetzt schon allein auf einem im Wald gelegenen Grundstück. Dennoch behält sie den Anspruch, ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn zu sagen, wo es lang geht. So das Bild, das die Staatsanwaltschaft von der Angeklagten zeichnet.
33:13
Für Brigitte sind Sandra und ihr zukünftiges Enkelkind Mimi im Jahr 1997 keine Bereicherung für die Familie, sondern eine Bedrohung ihrer Ordnung. Denn Sandras Entscheidung bedeutet, Unterhaltszahlungen zu leisten und Verantwortung zu übernehmen. Und sie bedeutet eine Bindung ihres Sohnes an ein Leben, das sie für ihn nicht vorgesehen hat. Die Begegnung mit Sandra und deren Eltern im Februar vor 16 Jahren schien die Lösung des Problems. Brigitte kam, um einen Schwangerschaftsabbruch durchzusetzen und verließ die Wohnung mit der Einwilligung von Sandra, sich ihrem Willen zu beugen.
33:47
Als Sandra dann in der Folge den Abbruch nicht vornahm und stattdessen aus dem Krankenhaus floh, habe Brigitte dies als Kontrollverlust empfunden. In diesem Moment habe sich bei ihr die Idee festgesetzt, ihren Sohn vor einer unerwünschten Vaterschaft zu retten.
34:02
Markus ist in diesem Narrativ der Staatsanwaltschaft also nicht die treibende Kraft, sondern der Sohn, der sich seit Jahren dem Willen seiner Mutter unterordnet. Anpassungsbereit an ein Leben, das sie strukturiert hat. Die Anklage geht davon aus, dass Brigitte Markus damals sehr klar vor Augen führte, was auf ihn zukommt. Nämlich jahrelange Unterhaltszahlungen, eine finanzielle Abhängigkeit und die Bindung an ein Mädchen, das er nicht liebt und aus ihrer Sicht an ein Kind, das seine Freiheit begrenzen würde. Markus soll diese Betrachtung übernommen haben und den Plan seiner Mutter nicht nur geduldet, sondern als echten Lösungsansatz akzeptiert haben.
34:39
Für ihren Plan, ihren Sohn vor einer frühen Vaterschaft zu bewahren, habe Brigitte nicht zu einem anonymen Kontakt gegriffen, sondern zu einem Mann, den sie aus ihrem Umfeld seit Jahren kennt, Jochen Siebert. Einem damals 63-jährigen Bekannten, den die Anklage als geeignet für einen Auftragsmord beschreibt.
34:58
Sievert gilt als jemand, der hart auftritt. Gerüchten zufolge habe er Verbindungen zu mafiösen Strukturen gehabt und sei in Autoschiebereien verwickelt gewesen. Nachgewiesen werden konnte ihm das jedoch nicht. Dennoch glaubt die Staatsanwaltschaft, dass Sievert jemand sei, von dem Brigitte angenommen habe, dass er für Geld töten würde.
35:17
Brigitte soll ihn gezielt angesprochen haben, um das Problem Sandra zu lösen, während Markus das nötige Geld aus seinen Ersparnissen bereitgestellt habe. Geld, das er damals durch seine Ausbildung zum Straßenbauer verdiente. Parallel dazu habe sich die konkrete Tatplanung verdichtet. Brigitte habe darüber nachgedacht, wie und wo Sandra ihrem Sohn schon bald allein begegnen könnte und habe den Vorsorgetermin beim Krankenhaus im Juli als günstiges Zeitfenster festgehalten. Auf einem Zettel hat sie den exakten Termin notiert, den 3. Juli um 8.50 Uhr.
35:51
In den Augen der Anklage zeigt dieser Zettel, hier plante jemand nicht mehr abstrakt, sondern konkret einen Tag X, an dem die junge Frau verschwinden sollte.
36:02
Dieser Zettel wurde damals bei einer Hausdurchsuchung gefunden und dient nun als wichtiges Beweismittel. Genauso wie eine verdächtige Geldabhebung von Markus, der am Tag vor dem Vorsorgetermin 4.500 DM von seinem Sparkonto abhob und in Anführungszeichen nur 2.200 DM davon am selben Tag auf sein Girokonto wieder einzahlte.
36:25
Die restlichen 2300 DM habe Jochen Sievert laut Anklage als Anzahlung für einen Auftragsmord an Sandra in Bar erhalten.
36:35
Einen Tag später, am 3. Juli 1997, soll Markus am Vormittag gezielt in der Umgebung des Krankenhauses Henningsdorf unterwegs gewesen sein. Seine Route mit dem Auto habe die Straße entlang geführt, die von der Klinik zu Carinas Wohnung verläuft. Carina habe an diesem Tag, während sie auf ihre beste Freundin Sandra wartete, am Küchenfenster gestanden und zufällig gesehen, wie Markus langsam vorbeifuhr.
36:59
Carina hat der Polizei erzählt, Markus habe erschrocken hochgeblickt, sie kurz gegrüßt und sei dann weitergefahren. Für die Anklage das Indiz dafür, dass Markus wusste, wann Sandra den Termin zur Vorsorge hatte. Als sie danach das Krankenhaus verließ, habe er sie bewusst abgepasst. Nach Darstellung der Anklage soll Markus Sandra angesprochen haben und dabei die Vertrautheit ihrer früheren Beziehung ausgenutzt haben. Er habe ihr angeboten, sie mitzunehmen. Sandra habe zugestimmt und sei auf den Beifahrersitz des Autos gestiegen.
37:31
Jochen Sievert, der dritte Angeklagte, habe zu diesem Zeitpunkt entweder bereits auf der Rückbank im Wagen gesessen oder sei kurz darauf dazugestiegen.
37:41
Sandra habe jedenfalls keinen Verdacht geschöpft. Sie habe Jochen Sievert zwar nicht gekannt, für sie sei er aber jemand gewesen, der offensichtlich zu Markus gehörte.
37:51
Irgendwo unterwegs, der genaue Ort lasse sich nicht rekonstruieren, hätten Jochen Sievert und Markus dann Brigittes Plan ausgeführt, Sandra zu töten.
38:00
Jochen Sievert soll sich plötzlich vom Rücksitz aus nach vorne gebeugt, seinen Arm um Sandras Hals gelegt und versucht haben, sie zu würgen. Sandra soll sich daraufhin lautstark gewehrt haben. Sie habe geschrien und um Luft gerungen. In diesem Moment, so die These, habe dann Markus eingegriffen und versucht, Sandra zum Schweigen zu bringen. Dabei soll er ihr seinen linken Unterarm gegen den Mund gedrückt haben. Um sich zu wehren, habe Sandra Markus dabei gebissen und zwar so stark, dass eine Wunde an seinem Unterarm zurückgeblieben sei.
38:31
Wie lange dieser Angriff gedauert habe, an welchem Ort die Gewalt geendet habe und ob Sandra ihr Bewusstsein noch im fahrenden Auto oder erst an einem abgelegenen Platz verloren habe, all das kann die Staatsanwaltschaft nicht eindeutig beantworten. Sie geht jedoch davon aus, dass Sandra im Verlauf dieses Angriffs gestorben sei. Jochen Sievert soll im Anschluss noch die Aufgabe übernommen haben, Sandras Leiche zu beseitigen. Sie sollte nicht mehr auftauchen. Nicht in einem Wald, nicht auf einer Baustelle, nicht in einem Grab.
39:04
Für den ausgeführten Auftrag habe Sievert dann am Ende nochmal 2500 DM erhalten, die Markus am 30. Juli erneut von seinem Sparkonto abgehoben hat. Dieser Auftrag war laut Staatsanwaltschaft in den Augen der Angeklagten so erfolgreich, dass die Leiche von Sandra bis heute nicht gefunden wurde.
39:23
Und das ist in den Augen der Verteidigung das Problem. Markus, seine Mutter Brigitte und Jochen Sievert schweigen vor Gericht zu den Vorwürfen. Bisher haben alle drei eine Beteiligung am Verschwinden von Sandra immer vehement bestritten. Über ihre VerteidigerInnen wird nun versucht, das von der Staatsanwaltschaft geschilderte Szenario zu widerlegen.
39:42
Dazu führen sie an, was für einen eindeutigen Beweis fehlt. Es gibt keine Leiche, keinen eindeutigen gesicherten Tatort, keine Tatwaffe und keine verwertbaren DNA, Blut- oder Faserspuren. Das, was die Staatsanwaltschaft als Tathergang rekonstruiert, sei bloß eine Hypothese.
40:01
Die Indizien, die die Anklage präsentiert, deutet die Verteidigung hingegen um. Die Anwesenheit von Markus in Henningsdorf am Tag des Verschwindens wird als unglücklicher Zufall dargestellt. Markus gibt über seine Verteidigung an, er habe im Auftrag seiner Mutter an diesem Tag in Henningsdorf einen Brief bei einer Bekannten von Brigitte einwerfen sollen und das Geld, das er am 2. und am 30. Juli abgehoben hat, sei für den Kauf eines Mercedes gewesen. Der Zettel mit Datum und Uhrzeit von Sanders Vorsorgetermin, der wiederum bei Brigitte gefunden wurde, sei nichts als eine harmlose Terminnotiz.
40:37
Die Staatsanwaltschaft hält dagegen, der Brief, den Markus habe einwerfen wollen, sei laut Aussage dieser Bekannten erst später und zwar von Brigitte selbst an sie übergeben worden. Und dass das abgehobene Geld für einen neuen Mercedes bestimmt war, stellt die Staatsanwaltschaft auch infrage.
40:54
Zwar hat ein Freund von Markus der Polizei gegenüber angegeben, Markus damals einen Mercedes verkauft zu haben, jedoch könne dies nicht im Tatzeitraum geschehen sein. Denn erst am 18. Juli 2000 wurde dieses Fahrzeug auf Markus' Namen angemeldet.
41:10
Der Zettel mit den Termindaten zur Vorsorge, den man hingegen bei Brigitte gefunden hat, könnte natürlich einfach eine Notiz gewesen sein. Es ist aber von Markus bestätigt worden, dass Sandra und er noch am Abend vor dem Vorsorgetermin am Telefon gesprochen haben. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sandra bei diesem Telefonat nicht erwähnt hat, wann und wo sie morgen früh einen Vorsorgetermin hat, um überprüfen zu lassen, ob es dem gemeinsamen Kind gut geht.
41:36
Außerdem stützt sich die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage in weiten Teilen auf die Aussage zweier Frauen, die Markus und teilweise auch Brigitte einst sehr nahe standen. Beide werden vor Gericht vernommen. Und was sie dort erzählen, sind Schilderungen, die die Anwesenden schockiert zurücklassen.
41:54
Die erste Belastungszeugin, auf deren Aussage die Staatsanwaltschaft einen Großteil ihrer Tatrekonstruktion aufbaut, ist Jacqueline. Die Frau, deren Aussage im Jahr 2012 bei der Polizei alles veränderte.
42:07
Bei der Verhandlung ist Jacqueline mittlerweile 33 Jahre alt, erinnert sich aber noch genau daran, dass sie schon ab Mitte der 80er Jahre als Kind und Teenager viel Zeit mit Brigitte und Markus verbracht hat. Sie erzählt, dass sie vor allem als Jugendliche ständig bei ihnen zu Hause war, sodass es sich irgendwann sogar so angefühlt habe wie eine zweite Familie. Den Anwesenden im Saal wird mit dieser Aussage klar, hier steht gerade niemand im Zeugenstand, der zufällig etwas gesehen oder gehört hat, sondern jemand, der seit Kindheitstagen Teil des innersten Kreises der Familie war.
42:41
Im Sommer 1997, als Sandra verschwand, war die Bindung an die Familie enger denn je.
42:47
In diesem Zusammenhang berichtet Jacqueline vor Gericht von einem Satz, den sie bis heute nicht vergessen kann. Bei einem Gespräch mit Brigitte sei es um Sandra gegangen, um die Schwangerschaft, den Unterhalt und die Frage, ob Sandra vorhabe, die Schwangerschaft abzubrechen. Brigitte habe Jacqueline gegenüber gesagt, wenn Sandra nicht abtreibt, habe ich einen Plan B. Jacqueline betont, dass sie diesen Plan B lange nicht als Mordplan begreifen wollte. Sie habe ihn damals eher als überzogenen Spruch abgetan. Dann aber ist Sandra wirklich verschwunden und kurze Zeit später sei Markus dann bei Jacqueline aufgetaucht.
43:23
Dabei habe er gezittert und sei völlig aufgelöst gewesen. Er habe zwar nicht geweint, habe aber leer gewirkt. Jacqueline erinnert sich, Markus gefragt zu haben, »Wie, die ist weg?« Und Markus habe darauf sinngemäß geantwortet, »Sie ist halt weg.« Da habe Jacqueline begonnen zu ahnen, was Mutter Brigitte mit ihrem Plan B wirklich gemeint haben könnte. Auf Jochen Sievert angesprochen, berichtet Jacqueline weiter, sie habe Markus dann mit der Frage konfrontiert, er habe es aber doch wohl nicht alleine gemacht.
43:54
Dies habe Markus bestätigt. Ob der dabei gewesen sei, habe Jacqueline danach gefragt. Mit der habe sie Jochen Sievert gemeint und Markus habe erneut bejaht. Jacqueline selbst habe Sievert nur ein paar Mal im Brigittes Wohnzimmer gesehen, als sie Markus besucht habe. Sie beschreibt Sievert als jemanden, bei dem man wie erstarrt sei und in dessen Anwesenheit man sich kaum traute, etwas zu sagen. »Das mache man ja nicht einfach so«, habe Jacqueline daraufhin gesagt. Woraufhin Markus erwidert habe, er habe Sievert entweder 3000 oder 3500 DM gegeben.
44:29
Geld aus Markus' eigenen Ersparnissen. Obwohl Jacqueline Angst vor der vollen Wahrheit gehabt habe, habe sie Markus später noch einmal auf das Verschwinden von Sandra angesprochen. Zu der Zeit hatte sich die Beziehung zu Markus aber geändert. Aus einer Jugendfreundschaft war sexuelle Anziehung geworden.
44:48
Bei diesem weiteren Gespräch mit Markus habe er Jacqueline dann erzählt, dass er Sandra vom Krankenhaus abgeholt habe, sie vorne eingestiegen sei und sie zusammen weggefahren seien. Später habe Sandra geschrien, gebettelt und gesagt, das Kind sei nicht von ihm.
45:04
Er habe ihr dann seinen Arm gegen ihren Mund gedrückt, weil sie irgendwie leise sein musste. Jacqueline erinnere sich, dass Markus dabei eine Wunde davon getragen habe und sie diese gesehen habe. Für sie sei das eindeutig eine Bisswunde gewesen.
45:20
Nach Jacqueline sagt eine junge Frau namens Thea aus, die zweite Belastungszeugin. Sie hatte die Polizei direkt nach Jacquelines entscheidender Aussage 2012 kontaktiert. Die 30-jährige IT-Technikerin ist eine Ex-Lebensgefährtin von Markus. Kennengelernt haben sie sich schon im Jahr 2000, so richtig zusammengekommen seien sie aber erst im Jahr 2007. Ihre Beziehung sei von Anfang an von viel Alkohol, Drogen und Streit geprägt gewesen. Aber sie hätten auch viel über sich und das Leben gesprochen.
45:50
Dann schildert Thea vor Gericht eine Nacht, in der beide unter dem Einfluss von LSD und Alkohol gestanden hätten. Nach einem emotionalen Gespräch habe Markus sie mit Klamotten unter die Dusche gezogen und das Wasser angestellt, in der Angst, die Polizei könnte ihn abhören. Dort unter dem warmen Wasserstrahl sei dann seine Fassade gefallen. Er sei verzweifelt gewesen und habe geflüstert, er habe es selbst machen müssen.
46:15
Dabei sei es um Sandra gegangen, über die sie vorher immer nur bruchstückhaft gesprochen hätten. Seine Aussage, er habe es selbst machen müssen, sei die Antwort auf die Frage gewesen, ob er Sandra getötet habe oder es jemand anderes habe machen lassen. Darauf angesprochen, ob Markus ihr gegenüber einen bestimmten Mittäter genannt habe, erklärt Thea, ihrer Erinnerung nach habe er einen Russen als einen von zwei Beteiligten bezeichnet. Den einen habe er nicht gekannt, der andere sei ein Bekannter seiner Mutter gewesen.
46:46
Mit Thea und Jacqueline stehen nun zwei Frauen aus ganz unterschiedlichen Phasen von Marcos Leben im Zeuginnenstand, die unabhängig voneinander von ganz ähnlichen Momenten erzählen. Andeutungen, Plänen und konkrete Sätze, die auf einen Mord hindeuten. Für die Staatsanwaltschaft sind ihre Aussagen die Grundlage der detaillierten Tatrekonstruktion und zentralen Bausteine ihrer Indizienkette.
47:10
Am Ende der ausführlichen Beweisaufnahme in diesem Indizienprozess fordert der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer daher eine Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes auf der einen Seite und Anstiftung zum Mord auf der anderen. Er ist sich sicher, dass Brigitte ihren alten Bekannten Jochen Sievert mit der Tötung von Sandra und der Leichenbeseitigung beauftragt hat und diese die 17-jährige Schwangere gemeinsam mit Markus heimtückisch umgebracht hat.
47:35
Der Grund für die Tötung sei es gewesen, potenzielle Unterhaltszahlungen zu umgehen, weshalb außerdem das Mordmerkmal der Habgier nicht nur bei dem Auftragsmörder Jochen Sievert, sondern auch bei Markus erfüllt sei. Die Verteidigung hingegen fordert Freispruch. In ihren Augen gäbe es nicht genügend Indizien, die für die Schuld ihrer MandantInnen entsprechen. Insbesondere seien die beiden Hauptbelastungszeuginnen, auf die die Staatsanwaltschaft so viel Gewicht legt, nicht glaubwürdig.
48:02
Bei Thea konzentrieren sich die VerteidigerInnen vor allem auf die Drogen, die sie gemeinsam mit Markus konsumiert habe. Wer so lebt und konsumiert, könnte schwer trennen, was wirklich passiert ist und was später dazu gedacht wurde. Bei Jacqueline geht es weniger um ihren Lebensstil als um ihr widersprüchliches Aussageverhalten. Die Verteidigung greift ihre Entwicklung von »Ich weiß nichts« hin zu einer sehr ausführlichen Version an und spricht von Auto- und Fremdsuggestion. Davon, dass sie über Jahre Wissenslücken unbewusst gefüllt haben könnte.
48:36
Die Verteidigung wirft der Anklage vor, sich zu früh auf ihr Szenario vom Auftragsmord festgelegt zu haben.
48:42
Aus ihrer Sicht bleibe offen, was mit Samra passiert sei. Vielleicht gerät sie an einen unbekannten Täter, vielleicht hat ihr Umfeld aber auch unterschätzt, dass sie womöglich doch abgehauen sei.
48:53
Nach 45 Prozesstagen, verteilt über mehr als ein Jahr mit etlichen ZeugInnen, Gutachten und Akten aus mehr als einem Jahrzehnt Ermittlungsarbeit, stehen am Ende vor allem die Aussagen von Jacqueline und Thea im Mittelpunkt der Verhandlungen. Jetzt muss die Kammer entscheiden, ob sie den beiden Frauen Glauben schenkt und ob die Angeklagten die schwere Holztür des Gerichtssaals heute als freie Menschen verlassen oder ob sich hinter ihnen für sehr lange Zeit eine Tür schließt. Es ist ein warmer Nachmittag an diesem 9. Juli 2014, ziemlich genau 17 Jahre nach dem Verschwinden von Sandra.
49:29
Vor dem Landgericht Neuruppin haben sich Kamerateams positioniert. ReporterInnen sprechen von einem Mord ohne Leiche und einem der ungewöhnlichsten Kriminalfälle Brandenburgs. Im Gebäude selbst ist der große Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch Sandras Eltern, Sylvie und Konrad, nehmen in dem Raum Platz.
49:49
In einem Indizienprozess gehe es nicht um mathematische Beweise, sondern darum, ob am Ende vernünftige Zweifel bleiben, erklärt der Vorsitzende Richter. Für die Kammer tun sie das angesichts des Gesamtbildes in diesem Fall nicht mehr. Denn trotz fehlender Leiche ist das Gericht zu der Überzeugung gelangt, dass Sandra am 3. Juli 1997 nicht freiwillig verschwunden ist, sondern von Markus und Jochen Sievert getötet wurde. Und zwar im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft und den daraus resultierenden Unterhaltskonflikten.
50:19
Markus wird des gemeinschaftlichen Mordes schuldig gesprochen, seine Mutter Brigitte der Anstiftung zum Mord. Beide erhalten lebenslange Freiheitsstrafen. Und Jochen Sievert, der laut Gericht der Auftragsmörder war, bekommt nie einen eigenen Schuldspruch. Jochen Sievert ist zum Zeitpunkt der Verhandlungen ein gesundheitlich schwer angeschlagener, verwirrter älterer Mann.
50:40
Sein Verfahren wird abgetrennt und schließlich sogar nach § 206a StPO eingestellt. Der Paragraf sieht nämlich vor, dass ein Verfahren einzustellen ist, wenn ein sogenanntes Verfahrenshindernis vorliegt. Und im Fall von Jochen Sievert halten ihn die GutachterInnen wegen seines schlechten Gesundheitszustandes eben für dauerhaft nicht verhandlungsfähig. Auch wenn Staatsanwaltschaft und Gericht überzeugt sind, dass er Sandra getötet hat, bekommt er keinen Schuldspruch.
51:09
Das ist ja interessant, dass der Mann, der jetzt eine zentrale Rolle gespielt haben soll und auch laut Gericht der Auftragsmörder war, nie verurteilt wurde, die anderen aber schon. Und dazu haben wir mal mit unserem Jura-Experten Benedikt Müller gesprochen. Und der hat uns erklärt, dass man zwar nur wegen Anstiftung verurteilt werden kann, wenn eine sogenannte Haupttat festgestellt wurde, aber dass man die in einem Strafprozess auch feststellen kann, ohne dass man den Haupttäter verurteilt.
51:39
Das war ja auch so in dem Fall, den wir beide vor zwei Wochen im Spotify Legends Club erzählt haben. Da war die Haupttäterin in Anführungszeichen, also die Person, die den Mord dann begangen hat, Theresia, Ja, dann zum Zeitpunkt des Prozesses auch schon tot, weil sie sich suizidiert hat. Und deswegen ging es ja aber auch in dem Prozess sehr viel um sie, weil man quasi ihre Tat erst mal hatte feststellen müssen, bevor man dann die Erna, ihre beste Freundin, zur Beihilfe dieser Tat verurteilen konnte.
52:11
Genau das gilt eben nicht nur für die Anstüttung, sondern auch die Beihilfe. Was ich interessant finde, ist, dass in dem Fall, den wir vor zwei Wochen erzählt haben, in dem Urteil halt so viel über Theresia drin stand und hier in dem Urteil gar nichts über Jochen Sievert. Also wirklich so gut wie gar nichts, aber man hatte natürlich Markus noch da, ne?
52:32
Also der komplette Sachverhalt war dann schon aufgeklärt und die Rolle von Sievert wurde ja auch benannt, sage ich jetzt mal, aber richtig viel über den konnte man jetzt auf jeden Fall nicht erfahren. Außerdem haben wir mit Benedikt noch darüber gesprochen, was er dazu meint, dass hier ja ein Urteil gesprochen wurde, das sich am Ende vor allem auf zwei Zeugenaussagen stürzt, also Eine einer Jugendfreundin, die sich jahrelang nicht traut, ihr Wissen preiszugeben und immer sagt, nee, ich weiß nichts, nee, ich weiß nichts.
53:04
Und auf der anderen Seite eine Ex-Partnerin, die sich auf einen Satz bezieht, der dann auch noch unter Einfluss von LSD und Alkohol ausgebrochen wurde. Und Benedikt hat uns erklärt, dass es aus juristischer Sicht nicht ungewöhnlich ist, dass ein Urteil im Kern auf wenigen ZeugInnen beruht, Gerade wenn es keine Leiche und keinen Tatort gibt. Es gehe eben nicht um absolute Gewissheit, so sagt Benedikt, sondern darum, ob sich das Gericht im Rahmen der Beweiswürdigung eine nachvollziehbare und begründbare Überzeugung von einem Geschehensablauf machen kann.
53:35
Und dafür könne im Zweifel auch nur eine einzige Zeugin ausreichen, wenn diese eben konsistent ist und widerspruchsfrei aussagt. Im Fall von Jacqueline und Thea hält Benedikt vor allem ihre Unabhängigkeit voneinander und die Übereinstimmung in entscheidenden Punkten für ausschlaggebend. Weil beide erzählen von diesem Abholen und Wegfahren vom Krankenhaus, Beide bringen diesen alten Bekannten von Brigitte als Mittäter ins Spiel und beide berichten von Markus Andeutung eigener Beteiligung. Benedikt sagt, Zitat, wenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Lebensphasen, die sich nicht kennen, dieselben Kernfakten erzählen, dann kann ein Gericht sagen, das ist mehr als eine einzelne, möglicherweise verzerrte Erinnerung.
54:16
Dann stützt die eine Zeugin die andere. Und ich verstehe das auch, aber diese Sachen, die die erinnern, sind ja zum Teil Jahre her. Und ich weiß nicht, ob du das kennst, aber wenn ich Geschichten erzähle, die schon ganz lange her sind, dann werden die auch mit jedem mal ein bisschen besser oder ein bisschen anders. Ja, vor allem, wenn sie uns beide betreffen und wer irgendwas Peinliches gemacht hat.
54:42
Da wechseln dann auch mal gerne die Akteure an. Vor allem, wenn man es gegenüber anderen Leuten erzählt.
54:48
Deswegen verstehe ich auch, dass die Verteidigung da richtig draufgegangen ist, auf diese zwei Zeuginnen.
54:53
Ja, ich glaube aber, dass das sowas Gravierendes ist, weißt du. Und dann, also ich kann natürlich verstehen, dass man darauf geht, dass die Thea da in der Dusche unter Drogen stand.
55:04
Aber wenn man jetzt fragt, was ist wahrscheinlicher, dass jemand unter LSD-Konsum sich komplett was ausdenkt, was eine andere Person gesagt haben soll und nachher auch im nüchternen Zustand nicht mehr unterscheiden kann, ob das jetzt vom Truffi-Sein kam oder real war oder dass jemand unter dem Einfluss sich endlich mal was von der Seele geredet hat, was die Person schon ganz lang belastet, da wird es viele geben, die das Zweite für wahrscheinlicher halten würden. Und dann ist man sich ja, glaube ich, auch darüber bewusst, was für eine Anschuldigung das ist.
55:39
Ja, und man kennt das ja auch von sich selber, wenn man was erfährt, was einen richtig auffühlt oder glücklich macht oder sauer macht oder traurig macht oder was auch immer, also ein großes Gefühl auslöst, dass man sich an diese Sachen schon sehr gut erinnern kann, auch wenn sie ein bisschen länger her sind.
55:56
Ja, und ich meine, solche Aussagen haben ja sicherlich bei denen auch dann einiges in Gang gesetzt. Also stell dir mal vor, dein aktueller Partner erzählt dir dann sowas. Also das ist ja nicht nur so der Satz, den man so nebenbei hört, sondern da passiert ja auch was in dir. Wenn du dann in Betracht ziehst halt, dein Partner hat jemanden umgebracht. Also da findet ja auch viel Auseinandersetzung mit sich selber dann statt. Ja.
56:23
Jedenfalls sagt das Gericht, dass Sandra ermordet wurde und ihr Exfreund und seine Mutter dafür rechtlich gesehen verantwortlich sind. Markus und Brigitte haben vor Gericht geschwiegen und ihre Beteiligung bestreiten sie bis heute. Es gibt also kein Geständnis, keine Beschreibung dessen, was an jenem Tag nach der Untersuchung im Krankenhaus Henningsdorf wirklich passiert ist und keinen Hinweis darauf, wo Sandras Überreste geblieben sind. Und damit gibt es bis heute auch kein Grab, an das Sandras Eltern Sylvie und Konrad Blumen bringen und an dem sie ihrer Tochter und ihrem ungeborenen Enkelkind nahe sein können.
56:57
Dabei hatte ihre Mimi bereits ein Zuhause, ein Zimmer mit einer Wiege drin, die für immer leer blieb. Sandra und Mimi mussten sterben, weil Brigitte ihren Sohn schützen wollte vor einer vermeintlich verbauten Zukunft und zu vielen finanziellen Herausforderungen. Und was sie jetzt damit gemacht hat, ist ihrem Sohn die Zukunft zu verbauen.
57:16
Denn der wird ja jetzt lebenslang in Haft sitzen. Ja, und er sitzt ja noch, genauso wie Brigitte. Und wie gesagt, halten die beiden immer noch an ihrer Unschuld fest. Ich meine, viele Leute, die in Haft sitzen, waren es ja eigentlich gar nicht. Aber um hier mal transparent zu sein, die ARD hat eine Dokumentation gemacht über den Fall oder besonders über den Versuch von Markus und Brigitte, eine Wiederaufnahme des Falles zu erwirken. Also wen die Seite von Markus und Brigitte besonders interessiert, kann sich diese Doku noch anschauen.
57:49
Ich werde das nicht tun.
57:52
Mich interessiert die nicht so toll.
58:10
Und die haben sich ja auch nicht proaktiv nochmal bei der Polizei gemeldet. Also die Polizei ist da immer wieder hin, weil die das auch irgendwie schon so im Gefühl hatten, dass Jacqueline da eigentlich mehr weiß. Und sie war eben aber eine super gute Freundin von Markus und ja später auch mehr. Also da ging ja auch was bei denen und sie wollte ihm offenbar eben lange nicht in den Rücken fallen. Aber das war was, was ihr krass auf der Seele gebrannt hat. Mhm. Ja, und das war es für heute.
58:39
Nächste Woche geht es hier um einen wirklich schlimmen Fall, der uns in der Redaktion wirklich teilweise an die Grenzen gebracht hat und der mit einem schlimmen Fund im Ofen beginnt. Bis dahin. Tschüss.
58:56
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Simon Garschhammer und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.
59:26
Elena Gruschka. Lars Töns Feuerborn. Niemand muss ein Promi sein. Deutschlands Nummer 1 Gossip Podcast. Jetzt live.
59:42
Mein Name ist Elena Gruschka.
59:43
Mein Name ist Lars Töns Feuerborn und wir sind Deutschlands Nummer 1 Gossip-Podcaster.
59:47
Lars weiß, wovon er spricht. Er ist selber ein A-Promi unter den C-Promis. Er war nämlich selbst mal Kandidat im Trash-TV. Er hat nämlich die erste Staffel Prinz Charming gewonnen.
59:55
Und Elena ist nicht nur TV- und Filmproduzentin, sondern auch seit Jahren schon die Frauke Ludewig der Podcast-Szene.
60:02
Niemand muss ein Promi sein, besprechen Lars und ich jeden Freitag alles, was in einer Woche so an Gossip zusammengekommen ist. Also von deutschen Trash-TV-Promis über die Royals bis hin zu den internationalen Superstars wie die Kardashians. Bei uns bekommt ihr den heißesten Klatsch und Tratsch. Humorvoll aufbereitet natürlich.
60:16
Also hört Niemand muss ein Promi sein jeden Freitag überall, wo es Podcasts gibt.
60:21
Um keine Folge zu verpassen, abonniert den Podcast am besten direkt auf den Podcast-Player eures Vertrauens.
60:26
Viel Spaß beim Hören.
60:28
Love you, bye.
60:31
Tschüss.
60:33
Ciao. Das war Niemand muss ein Promi sein. Deutschlands Nummer 1 Gossip Podcast mit Elena Gruschka und Lars Töns Feuerbund.